EU schaltet Ampel für Lebensmittel ab
Das EU-Parlament lehnt Signalfarben auf den Verpackungen ab. Das ist ein Sieg für die Lobbys, ein Armutszeugnis für die Politik und eine Niederlage für die Verbraucher.

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Iss, mein lieber Junge, iss", sagt der Bösewicht in Massimo Carlottos furiosem Kriminalroman "Ich vertraue dir". Er schenkt dem Buben, der ihm an der Kreuzung aus dem Nebenauto eine lange Nase gezeigt hat, sein zuckersüßestes Lächeln. Er hat entdeckt, dass der Schokoriegel, den sich der Fratz in den Mund schiebt, von einem Hersteller stammt, dem er regelmäßig eine Masse aus faulen, von Parasiten befallenen Eiern liefert.
Paranoide Fantasien eines Krimiautors? Mitnichten. Verdorbene Lebensmittel können töten. Mehrere Menschenleben hat der mit Listerien verseuchte Quargel aus Hartberg gekostet. Er enthielt keinen Tropfen steirische Milch, vielmehr wurde der Topfen dafür aus Deutschland zugekauft.
Eine Milliarde für Lobbying
Kein Wunder, wenn heute immer mehr Konsumenten wissen wollen, was in ihrem Essen drinnen ist. Doch in einer gnadenlosen Lobbyschlacht, wie sie Brüssel selten zuvor erlebt hat, hat das Europaparlament in Straßburg jetzt gegen eine verbindliche Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln in Europa gestimmt.
Cornflakes, Müsli, Limo, Kekse, Joghurt, Wurst und Schokolade müssen auch künftig auf den Verpackungen nicht mit grünen, gelben oder roten Symbolen bedruckt werden, die für jedermann auf den ersten Blick ersichtlich machen, ob ein Lebensmittel einen hohen, mittleren oder niedrigen Fett-, Salz- oder Zuckergehalt hat.
Vor allem Ernährungsmediziner hatten die Ampel stark befürwortet. Sie haben auch in Österreich mit einer steigenden Zahl von übergewichtigen Kindern zu tun und warnen schon lange, dass immer mehr von dem, was von der findigen Nahrungsmittelindustrie als besonders gesund beworben auf unserem Teller landet, es in Wahrheit gar nicht ist.
Die Ampel hätte dem dreisten Etikettenschwindel ein für alle Mal den Garaus gemacht, glauben sie. Doch sie haben die Rechnung ohne die Hersteller gemacht. Rund eine Milliarde Euro haben sich die multinationalen Konzerne nach eigenen Angaben den Kampf gegen die Ampelkennzeichnung kosten lassen. Wochenlang wurden die Europaparlamentarier mit Mails, Telefonanrufen und Gefälligkeitsgutachten bombardiert. Mit Erfolg.
Es waren vor allem die Christdemokraten, die sich zum Sprachrohr der Lobbys machten und nun die Ampel scheitern ließen. Stattdessen sollen die Hersteller jetzt auf den Verpackungen Angaben zum Brennwert in Kalorien sowie über eine Reihe von Bestandteilen wie Fett, Salz, Zucker, Eiweiß oder ungesättigte Fettsäuren machen. Der Verbraucher soll erfahren, welchen Anteil der empfohlenen Tagesmenge etwa von Fett oder Kohlehydraten er zu sich nimmt.
Sollten zwei der Werte eine bestimmte Grenze überschreiten, dann dürfe das Lebensmittelprodukt nicht mehr als gesundheitsbezogen beworben werden. Der Haken daran: Die Daten zum empfohlenen Tagesverzehr gibt es noch gar nicht. Und bei der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA, die sie liefern soll, weist man darauf hin, dass die Ernährungsgewohnheiten so unterschiedlich sind, dass völlig unklar ist, ob die Wissenschaft solche Angaben überhaupt seriös machen kann.
Auf jeden Fall kommen wird eine Ursprungskennzeichnung für Fleisch, Obst und Gemüse. Neben dem Herkunftsland sollen das Alter des Tieres und der Ort, an dem es geschlachtet wurde, auf dem Etikett stehen.











