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Zuletzt aktualisiert: 07.08.2012 um 20:03 UhrKommentare

Die Türkei rückt von Europa ab

Die Vision eines Beitritts zur Europäischen Union verliert für immer mehr Türken ihren Reiz. Ihr Land ist jung und vital, Europa dagegen steckt in der Krise. Von Gerd Höhler

Der Mythos von Staatsgründer Atatürk ist in der Türkei ungebrochen. Auch Premier Recep Tayyip Erdogan nutzt ihn gerne für seine politischen Zwecke. Der Glanz Europas dagegen verblasst

Foto © ReutersDer Mythos von Staatsgründer Atatürk ist in der Türkei ungebrochen. Auch Premier Recep Tayyip Erdogan nutzt ihn gerne für seine politischen Zwecke. Der Glanz Europas dagegen verblasst

Kalendarisch herrscht zwar Hochsommer, aber zwischen der Türkei und der Europäischen Union begann am 1. Juli eine politische Eiszeit.

Seit Zypern die Ratspräsidentschaft übernahm, hat Ankara die offiziellen Kontakte zur EU eingefroren. Für die Türkei, die seit 1974 den Norden Zyperns besetzt hält, ist die Republik Zypern kein Staat. Deshalb nimmt die Türkei "nicht an Aktivitäten teil, bei denen Südzypern den Vorsitz hat", wie der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu erklärt.

Ankaras Chefdiplomat glaubt, sich den Boykott leisten zu können. Er ist Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Die Vision des EU-Beitritts hat für die Mehrzahl der Türken ihren Reiz verloren. Erstens weil ihr Land in den vergangenen zehn Jahren eindrucksvoll bewiesen hat, dass es wirtschaftlich und politisch auf eigenen Füßen stehen kann. Und zweitens weil der europäische Klub, dem man früher so gern beigetreten wäre, in keinem besonders guten Zustand ist.

Noch 2004 hielten 73 Prozent der Türken die EU-Mitgliedschaft für "eine gute Sache". Inzwischen sprechen sich nur noch 38 Prozent für den Beitritt aus. Und nur 26 Prozent glauben, dass es jemals dazu kommen wird. Kein Volk sitzt so lange im Wartesaal Europas wie die Türken. Schon 1963 versprach ihnen die damalige EWG den Beitritt. Erst 2005 wurden die Verhandlungen aufgenommen, bereits im Jahr darauf aber wegen des ungelösten Zypernkonflikts wieder eingefroren. In regelmäßigen Abständen notiert der Fortschrittsbericht der EU-Kommission, wie weit die Türkei bei der Umsetzung der notwendigen Reformen vorangekommen ist. Die Berichte enthalten neben Lob stets Tadel, etwa am Zustand der Menschenrechte, der Meinungs- und der Religionsfreiheit. Immer mehr Türken glauben allerdings, die EU suche nur nach neuen Vorwänden, ihnen den Beitritt zu verweigern. "Europa will uns nicht", so eine oft gehörte Klage.

Die Europäische Union habe in der Türkei "vielen, die an Europa glaubten, die Herzen gebrochen", klagt Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Bahri Yilmaz, Ökonomie-Professor in Istanbul, sagt: "Die meisten Türken misstrauen Europa schon seit Beginn der Verhandlungen." Der Beitritt bleibe ein "langfristiges strategisches Ziel", sagt Wirtschaftsminister Ali Babacan, habe aber "keine sehr hohe Priorität".

Daraus spricht die Überlegung, dass die Türkei ohne die EU möglicherweise besser dasteht. Das Land profiliert sich immer mehr als Führungsmacht im Nahen Osten und Nordafrika. Es stützt sich dabei vor allem auf seine wirtschaftliche Stärke. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht, die Exporterlöse haben sich sogar fast vervierfacht. Ein immer größerer Anteil der Ausfuhren geht in den Nahen Osten, nach Nordafrika und Mittelasien. Vor diesem Hintergrund hat auch für die türkische Wirtschaft die EU-Perspektive an Bedeutung verloren. "Die wirtschaftlichen Vorteile der EU hat sich die Türkei bereits mit der 1996 in Kraft getretenen Zollunion gesichert", erklärt der Wirtschaftsprofessor Yilmaz.

Überdies setzte die Regierung unter dem Druck der EU zahlreiche Reformen um. Die früher stets gefährdete türkische Demokratie wurde gestärkt. Nach dem Motto "der Weg ist das Ziel", komme es auf den Beitritt als solchen gar nicht mehr an, die Mitgliedschaft könnte sogar wie eine Fessel wirken, meinen viele.

Krankes Europa

Nun ist es die Euro-Krise, die Europas Attraktivität zusätzlich mindert. Sie scheint zu bestätigen, was viele Türken schon lange glauben: Dass ein stagnierendes Europa ein vitales Land wie Türkei mehr brauche als umgekehrt. Viele Türken erinnern sich an die Überheblichkeit, mit der in den 1980er und 90er Jahren viele Europäer auf ihr damals chronisch krisengeplagtes Land blickten. Das dürfte der türkische Industrieminister Zafer Caglayan meinen, wenn er, anspielend auf das im 19. Jahrhundert geprägte Wort vom "kranken Mann am Bosporus", sagt: "Jene, die uns einst als krank bezeichneten, sind jetzt selbst malade - möge Allah ihnen Genesung schenken!"

GERD HÖHLER

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