Die Suche nach der Substanz fällt kurz aus
Ein Land staunt noch immer über einen 24-jährigen Studenten, der eines der höchsten Staatsämter bekleidet. Wir begaben uns auf die Suche nach Substanz im Staatsekretariat für Integration - und fanden vor allem: vorgegossene Antworten.

Foto © APAStaatssekretär Sebastian Kurz: Noch werden kaum Herzerln vergeben...
Sebastian Kurz, erst kurz im Amt - Österreich zwischen "Lasst ihn doch zeigen, was er kann" und "Das kann doch nicht ernst gemeint sein". Schon jetzt stellt sich - lässt man seine frappierend ähnlichen Interviews der letzten Wochen Revue passieren - die Frage: Kann ein momentan eher als "Sprechpuppe" agierender Jungpolitiker ohne das nötige Spezialwissen zukunftsweisende Migrationspolitik vorantreiben? Erfolgreiche Integration, das wollen aus gutem Grund viele. Am Weg dorthin scheitern dann die meisten.
"Handverlesene Persönlichkeit"
Destruktive Skepsis hat sich Kurz eigentlich (noch) nicht verdient. Da kann man ihm sogar unterm Strich erfolglose "Geil-o-mobil"-Wahlkämpfe verzeihen - und das, obwohl das Propagieren von "Schwarz macht Geil" und das Verteilen von "Geil-Macher-Gummis" vor der Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl 2010 kaum als Qualifikation für ein derart heikles Ressort durchgehen. Von ÖVP-Chef Michael Spindelegger großzügigst ausgegebene Vorschusslorbeeren (er sprach bei der Präsentation seiner umgestülpten Regierungsmannschaft von "handverlesenen Persönlichkeiten") machen freilich auch stutzig: Jugend ist kein Nachteil, um mit frischen Ansätzen verstockte Strukturen auzufbrechen. Sie ist aber gewiss auch keine Leistung für sich und bringt beinahe zwangsläufig auch einen Mangel an Lebenserfahrung mit sich.
Interview-Vergleich
Jene Antworten, die man bislang vom ÖVP-Shootingstar zur Kenntnis nahm, gehen kaum als neue Ansätze oder gar Durchbruch in Sachen "Ausländer" durch. Auf Krawatten und steifes Gehabe darf sehr gerne verzichtet werden - selbstverständlich wollen Imageberater Kurz auch genauso auftreten sehen. Fehlende Substanz wiegt da schon schwerer. In allen bislang gegebenen Interviews - sei es nun für "Zeit im Bild"-Ausgaben oder für diverse Printmedien (darunter die Kleine Zeitung - Sie finden das Interview in der Randspalte) finden sich die gleichen Antworten, teilweise im identischen Wortlaut. Die rhetorische Antihaft-Pfanne zu schwingen ist ein wenig wenig, greift zu kurz. Für Mitarbeiter der Caritas, der Diakonie, der Integrationshäuser oder für betroffene Bürgermeister war und ist der Umgang mit Migranten ihr täglich' Brot - kann Kurz da mithalten?
Klar: Es gab eilig anberaumte Kurz-Besuche in Integrationshäusern, wo eifrig fotografiert wurde. Doch die immer gleichen Allerweltssager zum brennenden Thema Integration sollten mehr "Fleisch" haben als: "Der erste Schritt sind Deutschkenntnisse", "Es geht darum, zu verbinden", "Wenn man Deutsch kann, gibt es Chancengleichheit, dann kann man eine Ausbildung machen, in Vereinen mitmachen". Stakkatoartig bemüht wurde auch die "ältere Dame": "Wenn eine ältere Dame nach Österreich kommt, schlecht oder gar nicht Deutsch kann, wird es schwierig sein, sie abzuholen und zu integrieren", so Kurz. Ob vor allem ältere Damen mit gebrochenem Deutsch nach Österreich kommen und das große "Problem" darstellen - der Staatssekretär sollte dazu bitte Zahlen vorlegen. Stehsätze, sie stehen nur sehr selten für sich oder irgendetwas.
Mit Verlaub - dies sind Ansichten, die man von Politikern - von einer deutschen Kanzlerin Angela Merkel runter bis zum österreichischen Gemeindevorstand - schon seit Jahrzehnten und lange vor der "Ära Kurz" gehört hat. Jeder Mensch, der sich ernsthaft und vorurteilsfrei mit dem Thema beschäftigt, dürfte bzw. müsste sich mehr erwarten. Selbst ohne falschen Neid angesichts der kolportierten 14.688 Euro Monatssalär. Sprache als elementarer Schlüssel, um Anschluss und Heimat zu finden, um miteinander und für sich voranzukommen: aha. Den richtigen, für beide Seiten befriedigenden Weg dorthin - und das ist die eigentliche Frage - blieb man in der Regierung (nicht nur in der aktuellen) bislang freilich schuldig. Da helfen auch Vergleiche Kurz' mit dem "zu schönen" Ex-Finanzminister mit dem Doppel-Vornamen, die dieser Tage oft getroffen werden, wenig.
"In Meidling aufgewachsen"
Auch das stereotyp in allen Interviews aufgefahrene "Ich bin in Meidling aufgewachsen und habe dort erlebt, wie Integration funktionieren kann. In meiner Klasse hatte die Hälfte der Schüler Migrationshintergrund, die alle ihren Weg machen und Erfolg haben" lässt einen dann doch eher ratlos zurück: Tausende hatten in ihren Klassenzimmern auch Klassenkameraden mit Migrations-Hintergrund, doch keiner davon wurde deshalb Staatssekretär. Was sollen wir von dieser persönlichen Erfahrung Kurz' nun mitnehmen? Wäre man boshaft, könnte man Kurz, der nicht müde wird zu betonen, seit sieben Jahren in der Politik aktiv zu sein, fragen: "Wenn Sie im eigenen Klassenzimmer erfahren haben, 'wie es funktionieren kann', warum wurde diese essentielle Erfahrung nicht schon längst an die Parteigremien auf Bundesebene weitergereicht?"
Laut Spindelegger ist Kurz das "größte politische Talent" der ÖVP - und wurde von der Partei geschlossen als Bester auserkoren. Die Messlatte wurde damit weltmeisterlich hochgelegt vom Parteichef. Das könnte sich für die "Hochrisiko-Besetzung", wie Kurz von Politforschern schon tituliert wurde, rächen. "Schonfristen", so es diese jemals gegeben hat in der Bundespolitik, Kurz bekommt gewiss keine: Gar nicht "geil".














