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Zuletzt aktualisiert: 29.10.2010 um 19:46 UhrKommentare

Haben Ausländer dieselben Werte?

Leitkulturdebatte findet in Österreich keine statt. Die Grundfrage schwingt trotzdem stets mit: Müssen Einwanderer aus der Türkei und Arabien europäische Werte annehmen?

Sind die Frauen im Islam benachteiligt?

Foto © APSind die Frauen im Islam benachteiligt?

Werte? Hä? Beide Mädchen verstehen das Wort nicht. Weder die 16-jährige Bianca, deren Eltern und Großeltern in Wien geboren wurden, bei den Urgroßeltern ist sie nicht sicher. Noch die 17-jährige Nilgün, die ebenfalls in Wien zur Welt kam, deren Eltern aber in Anatolien aufgewachsen waren.

Was ihnen wichtig ist? Bianca sagt: "Mein Freund, meine Mama, mein Kater Robsi, Volleyball. Dass ich nicht durchfallen tu' im Poly, hm, das ist mehr der Mama wichtig. Meine Freundinnen, dass wir ins ,Prater Dome´gehen oder hier in Gaso kommen." Ersteres ist eine Disko, Zweiteres das Einkaufszentrum "Gasometer" in Wien Simmering, wo Bianca bei McDonalds einen Cheeseburger verdrückt. Sie trägt eine graue Plastikjacke, die nach Leder aussehen soll, blaue Röhrenjeans und ein Tuch mit Leopardenmuster um den Hals. Nilgün, die zwei Tage später dort ein Cola trinkt, sagt: "Brüder, Eltern, Tante Esin. Nursel, ist Kollegin in Lehre, mag ich sehr und es ist auch wichtig, dass Chefin mit mir zufrieden ist. Und da, Mäcki und Gaso, ist immer schön." Nilgün trägt eine türkise Jeansjacke, schwarze Röhrenjeans sowie ein eine Kombination aus einem türkisen, einem weißen und einem schwarzen Tuch - auf dem Kopf.

Friedliches Familienleben, Spaß mit Freunden, Erfolg in Schule oder Job: Hat sich die "europäische Leitkultur" also durchgesetzt? Den Begriff prägte Bassam Tibi, ein deutscher Politologe syrischer Herkunft, vor genau zehn Jahren. Er verstand darunter Toleranz, Pluralismus, Demokratie, Vernunft im Sinne der Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat. Einwanderer sollten ihre neue Bürgeridentität - nach Art der französischen Citoyenite - über ihre religiöser Identität stellen. Rechtsextreme missbrauchen die "Leitkultur" seitdem als Kampfvokabel, die deutschen Konservativen lassen sie sich dennoch nicht nehmen. "Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein", bekräftigte Horst Seehofer, Vorsitzender der bayrischen CSU, erst vor zwei Wochen: "Multi-Kulti ist tot!"

Österreich führt keine Leitkulturdebatte. Die Frage, die dahinter steckt, schwingt aber bei jedem Gespräch über Integration mit: Haben Orient und Okzident unterschiedliche Werte? Wie vertragen sich diese? Und wie weit müssen sich Einwanderer - seit einem Jahrzehnt geht es stets um jene aus der Türkei und arabischen Ländern - an die europäischen Werte anpassen?

Stellung der Frauen

Vor 15 Jahren erregte der "Hammelbraten im Hinterhof" des damaligen FPÖ-Wien-Chefs Hilmar Kabas noch die Gemüter - ein klassisches Nachbarschaftsthema. Heute tobt ein Streit zum Thema Gleichstellung der Geschlechter. Ausgetragen wird er auf den Köpfen der Frauen. Ihre Motive sind höchst unterschiedlich, doch in ihrer Ablehnung des Kopftuches treffen sich die deutsche Feministin Alice Schwarzer ("Flagge der Islamisten") und FPÖ-Obmann Heinz Christian Strache ("Symbol für die Unterdrückung der Frau"). Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Wien, meint: "Wenn man in der klassischen Theologie bleibt und die Religion im Kontext nicht neu deutet, dann sind die Frauen benachteiligt. Aber im Islam sollte es keine Dogmen geben. Ein neues Verständnis sollte immer möglich sein und nach diesem kann die Ungleichstellung nicht der Wille Gottes sein."

Ehrenmorde, Mädchen-Beschneidung, Burka - der Koran schreibt das nicht vor, es handelt sich um Traditionen. Trotzdem: Das Meinungsforschungsinstitut GfK erhob 2009 für das Innenministerium wie Einwanderer über Werte und Lebensweise der österreichischen Gesellschaft denken. Die Autoren erkannten einen "Zusammenhang mit dem religiösen Bekenntnis": Während Bekenntnislose und säkulare Christen selten Bedenken hatten, waren "religiös-politische Muslime" zu 44 Prozent nicht mit den hiesigen Werten einverstanden.

Trägt Nilgün ihr Kopftuch freiwillig? Sie nickt, sagt aber: "Sonst darf ich nicht Gaso", nicht ins Einkaufszentrum. Was hält Bianca davon? "Schaut scheiße aus."

Recht und Ordnung

Das zweite heiße Thema ist die islamische Rechtsordnung. Elisabeth Sabaditsch-Wolff muss sich im November nach einem Islam-Seminar auf der FPÖ-Parteiakademie vor Gericht wegen Verhetzung verantworten. Sie sagt: "Immer wenn der Staat einknickt, ist die Scharia in Österreich angekommen." Ihre Beispiele: Öffentliche Bäder, die für muslimische Frauen gesperrt werden; Kindergärten, die kein Scheinefleisch servieren; Mädchen, die nicht auf Schikurs fahren dürfen.

Ängste, die über blaue Kreise hinausreichen. "Ich will nicht, dass wir unsere Lebenshaltung aufgeben", sagte der damalige ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon vor drei Jahren im "Standard": "Ich will, dass man unverheirateten Frauen ins Gesicht schauen und ihnen die Hand geben kann."

Laut der GfK-Umfrage stimmen sieben Prozent der türkischen Migranten dem Satz nicht zu: "Eine Demokratie ist in jedem Fall besser als eine Diktatur." Sie unterscheiden sich damit kaum von den Österreichern, die dies zu sechs Prozent ablehnen. Zu einem interessanten Schluss über die Mehrheitsbevölkerung kommen die Theologen Christian Friesl, Katharina Renner und Renate Wieser in einem Aufsatz für der Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft: "Je unzufriedener man mit der österreichischen Demokratie und dem politischen System ist, umso fremdenfeindlicher ist man auch."

Haben Bianca und Nilgün an der Wiener Wahl vor drei Wochen teilgenommen? Beide schütteln den Kopf.


Zur Werte-Diskussion

"Ich bin zwischen zwei Welten aufgewachsen. Ich bin hier geboren, meine Eltern aber in der Türkei, sie kommen aus einer ganz anderen Welt. Sie haben mir ihre Werte mitgegeben, ihre Kultur und religiösen Ansichten. Gleichzeitig habe ich die österreichischen Werte angenommen. Man versucht, eine Brücke zwischen seinen beiden Identitäten zu bauen. Es ist nicht einfach als zweite, dritte Generation, sich vollkommen in die Mehrheitsgesellschaft einzugliedern und seine Wurzeln abzulegen. Natürlich soll man die Werte des Landes, in dem man lebt, annehmen. Im Endeffekt ist es die neue Heimat. Das passiert ohnehin, selbst wenn man es nicht will. Meine Eltern haben ebenfalls die Kultur und Werte der neuen Heimat angenommen. Zuwanderer müssen sich nicht assimilieren, aber einleben. Von der österreichischen Gesellschaft wünsche ich mir mehr Aufgeschlossenheit: Sich zuerst über andere Kulturen und Religionen informieren - dann erst darüber urteilen.

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