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Zuletzt aktualisiert: 22.10.2010 um 22:02 UhrKommentare

Die Sprache als Tor zur neuen Heimat

Wer Deutsch lernen will, muss lesen und schreiben können. Missverständnisse sind die Wurzel manchen Übels. Für manche wird die Sprache erst beim Jobwechsel zum Problem.

Foto © APA

Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg. Oder doch nicht? Schon ein leichter Akzent reicht oft aus, dass Menschen als anders wahrgenommen und diskriminiert werden. Sogar Damen aus EU-Ländern oder den USA, deren Männer bei der UNO arbeiten, erzählen, dass sie in Geschäften im 1. Wiener Gemeindebezirk besser behandelt werden, wenn sie Englisch sprechen, als wenn sie ihre Wünsche auf Deutsch, mit Akzent und kleinen Fehlern, äußern.

"Die sollen gefälligst Deutsch lernen", gilt als Kern der Forderung nach Integration. Die Integrationsvereinbarung fordert jedem Zuwanderer dieses Deutschlernen ab. Sie gilt für alle, die in Österreich wohnen und arbeiten dürfen, außer für die sogenannten "Schlüsselkräfte". Der österreichische Staat fordert ihnen innerhalb von fünf Jahren eine Deutschprüfung ab. Und er bezahlt die Hälfte der Kurskosten.

Funktionieren kann es nur dann, wenn man die Leute dort abholt, wo sie sind. Herr S. stammt aus Afghanistan, seine Erstsprache ist Dari. Er hatte wegen der Kriegsereignisse in seinem Herkunftsland keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, wurde in der Erstsprache nie alphabetisiert. Ein Deutschkurs hat keinen Sinn, zuerst muss er lesen und schreiben lernen. Dabei hat sich Herr S. in den Jahren seines Aufenthalts in Österreich, in denen er auch gearbeitet hat, eine gar nicht geringe mündliche Sprachkompetenz angeeignet.

"Seilschaften" helfen

Eine interessante Beobachtung machte auch der Grazer AMS-Leiter Hannes Graf. Für viele, die im Zuge der Wirtschaftskrise gekündigt wurden, wurden die fehlenden Sprachkenntnisse im Zuge der darauf folgenden Arbeitssuche erstmals zum Problem. Auch deshalb, weil sie sich zuvor in großen Betrieben wie Magna auf Vorarbeiter verlassen konnten, die ihre Sprache sprachen. Insbesondere Migranten aus Ex-Jugoslawien, der Türkei aber auch Nordafrika haben "Seilschaften", die ihnen helfen.

Der Verein ISOP in Graz, der pro Jahr mehr als 2000 Kursteilnehmer betreut, hat den Fall S. in einem Erfahrungsbericht zur Bedeutung der Basisbildung ("Grenzenlos", Clio-Verlag) dokumentiert. Herr S. lebt in Feldbach, dort sind 13 Prozent der Bevölkerung Migranten, angelockt von der Fleisch- und Lederproduktion. Nachfrage erzeugt Angebot: Es gibt Kurse, und der Unterricht wurde speziell auf die Bedürfnisse von Herrn S. zugeschnitten.

In anderen Regionen gibt es kein Angebot. Insbesondere Frauen mit Kinderbetreuungspflichten haben ein Problem. Sie sind nicht mobil. Aber oft sind es Zugänge anderer Art, die fehlen:

Frauen aus Ostanatolien, die nur kurz die Volksschule besucht haben, sollen oft gar nicht lesen und schreiben dürfen.

Neu angekommene junge Männer, die im Obst- und Gemüseladen des Onkels arbeiten und am Abend einen Kurs besuchen, glauben, danach können sie automatisch Deutsch. Ohne je gelernt zu haben, wie man richtig lernen lernt: Hefte führen, Hausübungen machen, lernen.

Eltern verstehen unser Schulsystem nicht, das zu Hause anders funktioniert: Die Lehrer sind dort oft für alles zuständig, Interesse der Eltern nicht gewollt. Folge ist die fehlende Unterstützung für das Kind, die es bei uns scheitern lässt, ohne dass die Eltern es merken und verstehen.

Mami lernt Deutsch

Aufsuchende Sozialarbeit ist eine Möglichkeit, Wege aufzuzeigen. "Mami lernt Deutsch", ein Projekt der Stadt Wien, eine andere. Die Kinder an den Volksschulen bekommen Einladungen an die Mütter in mehreren Sprachen, einen Deutschkurs zu besuchen. Direkt an der Schule und ausschließlich für Frauen, denn andere sind vielen islamischen Frauen verwehrt. Sie lernen, sich im Alltag zu verständigen und die Mitteilungen der Lehrer in den Elternheften zu verstehen.

Der Weg in eine bessere Zukunft führt über die Sprache, in jedem Alter. Sobald die Verständigung funktioniert, steht auch älteren Zuwanderern der Weg zum Hauptschul- oder Lehrabschluss offen und damit zu besseren Jobs. So wie Taher, Ali, Javad und Asef aus Afghanistan, die die Externe Hauptschule der ISOP besuchen, die übrigens auch österreichischen "Spätstartern" offensteht. Kunstfotografin Maryam Mohammadi hat für "Grenzenlos" ihre Hoffnungen eingefangen - siehe oben.

Manche Tore könnten einfach geöffnet werden. Von 20 Kursteilnehmern eines Kurses in Graz sagen 20, sie sind gerne in Österreich und sie wollen Deutsch lernen. Was sie übereinstimmend bedauern: Die österreichischen Nachbarn suchen kaum das Gespräch mit ihnen.

CLAUDIA GIGLER

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