Im Morgengrauen kam die Polizei
Die Mutter ist mit den kleinen Kindern geflüchtet, Vater und Sohn warten auf die Abschiebung. Im Morgengrauen ist es so weit. Die Polizei steht vor der Tür. Ein Lokalaugenschein in Ratten.

Foto © Ulla PatzVater Akay und Sohn Dzhenet
Schlecht haben sie geschlafen - hätten sie doch jede Minute kommen können, um sie zu holen. Kurz nach 6 Uhr früh ist es dann so weit. Vier Polizisten in Zivil, eine Dolmetscherin und eine Vertreterin der Bezirkshauptmannschaft Weiz stehen im Dunkeln vor der Wohnungstür in Ratten, um die Familie Akayev abzuholen. Sie soll in die Slowakei abgeschoben werden.
Die Mutter aber ist nicht da. Am Abend davor sei sie verschwunden, "sie hat angerufen und gesagt: ,Wartet nicht auf mich, ich komme nicht zurück'", erzählt ihr 14-jähriger Sohn Dzhalaw. Mit den kleineren Kindern Dzhenet (7) und Schapi (8 Monate) ist sie vor der Abschiebung geflüchtet. Jetzt sollen Vater Akay und eben Dzhalaw alleine in die Slowakei gebracht werden. "Ich glaube, ich komm' ins Gefängnis, ich habe gehört, auch die Kinder kommen ins Gefängnis", sagt er und die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Sie kommen uns holen
Er räumt Schachtel um Schachtel in die Wohnung der Nachbarn - Tschetschenen, die nicht wissen, ob sie nicht die nächsten sind. Drei Mal haben sie schon miterlebt, dass die Nachbarn abgeholt wurden. "Ich habe Angst, ich warte jeden Tag auf die Polizei", sagt Larisa Kurkaeva, während Dzhalaw das rosarote Sandspielzeug seiner Schwester in ihre Wohnung bringt.
Vater Akay versucht, seine Tränen hinter den Schachteln zu verbergen, in die er Sachen stopft. Vor der Tür frieren die Polizisten, die Dolmetscherin, die hier nicht gebraucht wird, die Beamtin. Es hat zu schneien begonnen, der Tag kündigt sich zögerlich an. Die ersten Volksschulkinder gehen vorbei, beäugen neugierig das Polizeiauto.
Gutes Zeugnis
Dzhenet sollte jetzt unter ihnen sein. Sie geht in die zweite Klasse, hatte im Zeugnis nur "zwei Zweier", wie ihr Bruder stolz sagt. Bald wird die Glocke zur ersten Stunde läuten und Dzhenet wird nicht da sein. "Ich weiß nicht, wie ich das den Kindern beibringen soll", sagt Gertrude Gesslbauer, Direktorin und auch Lehrerin in der Klasse mit Tränen in den Augen. "Dzhenet ist so intelligent, so lernwillig, hat so viel deutsch gelernt und mit zwei Mädchen ein tolles Team gebildet."
Gesslbauer kann nicht verstehen, dass die Familie ausgewiesen wird. "Alles hat gepasst, das sind Kinder, die wir uns wünschen!" Das sagt auch Franz Prenner, Erziehungshelfer von Dzhalaw. "Mich hat die Behörde eingesetzt, aber niemand hat mich hören wollen, als ich mich für die Familie eingesetzt habe."
Die Akayevs sind fertig, sie werden zur Polizeiinspektion gebracht. Dort erfahren sie, dass die Abschiebung vorerst abgeblasen ist, weil man die Familie nicht trennen wollte. Erleichterung, aber nur kurz. "Wir werden gar nicht alles wieder auspacken, sie kommen uns sicher bald wieder holen", sagt Dzhalaw.
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TRAGÖDIE IN SCHRITTEN
2001: Dzhamila Akayeva flieht mit den Kindern aus Dagestan in die Slowakei, nachdem ihr Mann aus politischen Gründen in die Ukraine geflohen war.
2006: Flucht nach Österreich, Asylantrag,
2007: Ablehnung in erster und zweiter Instanz. Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof.
2010: Beschwerde abgelehnt.















