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Zuletzt aktualisiert: 20.10.2010 um 06:53 UhrKommentare

Schule ohne Subkultur und ohne Ghetto

Wenn der Mikrokosmos Schule Beispiel für friedliches Zusammenleben wird. Wie geht die Klagenfurter "Migrantenschule" in St. Ruprecht mit den Herausforderungen der Integration um?

Das Motto der "Friedensschule": "Fremde werden Freunde"

Foto © KLZ/EggenbergerDas Motto der "Friedensschule": "Fremde werden Freunde"

Bunte Bilder mit den Namen der Kinder hängen an der Rückwand eines Klassenzimmers in der Volksschule 11 in Klagenfurt-St. Ruprecht. Nermin, Dario, Manuela, Philip, Samuel, Karim. Bunt gemischt sind sie in dieser dritten Klasse, die "Inländer" und die "Ausländer". Begrifflichkeiten, die im Sprachgebrauch der Volksschüler jedoch nicht vorkommen. "Für die Kinder ist ihre unterschiedliche Herkunft in diesem Alter kein Thema", sagt Direktorin Ilse Fina.

Vielmehr verstehen sie, die sprachliche Vielfalt im Alltag bisweilen zu ihren Gunsten zu nützen. Nermin (8) und Dario (9) reden manchmal Bosnisch miteinander. "Aber nur wenn wir Edik und Philip ärgern wollen." Ihr bester Freund Edik (10) wurde in Armenien geboren, seine Muttersprache ist kurdisch. "Manche Wörter sind sich sogar ähnlich", erzählt der aufgeweckte Bursche mit den dunklen Haaren und dem verschmitzten Blick. Nermin kam in Bochum zur Welt, seit fünf Jahren lebt er in Klagenfurt. Philip (11) - seine Muttersprache ist Deutsch - hat schon einige Worte Bosnisch gelernt. Manuela (10) erzählt von dem Jahr, in dem sie in Ägypten zur Schule gehen musste. "Ich bin froh wieder hier zu sein." Ihr Freund Karim (10) - seine Eltern stammen aus Bosnien - versucht auch ein bisschen Ägyptisch zu erlernen. Wohl um die junge Dame zu beeindrucken. Die kroatischstämmige Ivana ist eine besonders talentierte Schülerin. "Ich will später einmal Polizistin werden", erzählt sie.

Schmelztiegel Schule

155 Schüler besuchen derzeit die VS 11 in St. Ruprecht - aus 19 Nationen und mit elf verschiedenen Religionen. Der Migrantenanteil liegt bei etwa 75 Prozent. Herkunftsländer unter anderem: Polen, Ägypten, Griechenland, Deutschland, Tschetschenien, Italien, Sudan, Somalia. Die Schule will eine gemeinsame Lebenswelt für die Burschen und Mädchen schaffen. "Natürlich nehmen wir Rücksicht auf die unterschiedlichen Kulturen", erzählt Sonja Kampl, Handarbeitslehrerin. Weihnachten dreht sich eben nicht um das Jesuskind, sondern um Engel und Sohn Gottes. Von Ghettobildung und Subkulturen ist man hier weit entfernt.

84,2 Prozent beträgt die Migrantenquote in Schulen im Wiener Spitzenbezirk Margareten. "Österreichische" Schüler werden hier zur Minderheit in ihrer Klasse. "Wenn die Mehrheit in einer Klasse Zuwanderer sind, wird es problematisch", sagt die Migrationsexpertin Hilde Weiss von der Uni Wien. "Ab zehn Jahren, beim Übergang von der Kindheit in die Jugendphase, wird das Gruppen- und Dominanzverhalten stärker."

Zu Gruppenbildungen kommt es in der VS 11 selbstverständlich auch - "das ist aber weitgehend von Nationalitäten unabhängig", sagt Direktorin Fina. In der Pubertät folgen die gruppendynamischen Prozesse dann zunehmend den Ursprungsidentitäten der Jugendlichen. "Es ist ein Prozess, der noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird", so Fina, "aber die Freundeskreise durchmischen sich immer mehr." Die großen Herausforderungen für die Schüler warten erst später.

Schlechtere Chancen

Laut Statistik setzen immerhin fast 15 Prozent der Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache ihre Ausbildung nach der Hauptschule nicht weiter fort. Bei den Österreichern sind es fünf Prozent. Objektiv haben die Migrantenkinder also schlechtere Chancen. Lösungsvorschläge? "Eine Möglichkeit sind kleinere Klassen, in denen Migranten nicht die Mehrheit sind", sagt Expertin Weiss. "So entstehen Freundschaften zwischen den Gruppen, die sich sehr positiv auswirken."

"Buongiorno!", klingt es laut aus dem Klassenzimmer der vierten Schulstufe. "la mela - der Apfel, la pera - die Birne, l'arancia - die Orange", steht auf der Tafel. Viele der Schüler haben sich zum freiwilligen Italienisch-Unterricht angemeldet. Zusätzlich findet einmal in der Woche Unterricht in den Muttersprachen statt, "damit die Kinder auch diese Sprachen besser beherrschen und vor allem schreiben können", erklärt die zuständige Lehrerin Svjetlana Pajicic. "Minderheit heißt nicht minderwertig."

Was die fröhlichen Kinderaugen nicht verraten, sind Familienschicksale, die die Kinder miterleben. "Bei einer der Familien ist der Asylstatus abgelaufen, wir müssen jeden Tag damit rechnen, dass der Sohn nicht mehr in die Schule kommt", sagt Fina. Ein anderer Bursche muss im Heim wohnen, weil seine Mutter in psychiatrischer Behandlung ist. Was sie über Abschiebungen von Kindern denkt? "Das Problem ist, dass man Eltern und Kindern vorsätzlich Hoffnungen macht - Hoffnungen, die später oft zerstört werden."

WOLFGANG FERCHER, SONJA HASEWEND

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