Angst vor "Putsch in Zeitlupe"
Unablässig glühten die diplomatischen Drähte zwischen Washington und Kairo in den Tagen vor Mubaraks Abgang - aber ganz besonders zwischen den Militärchefs. Die Verbindungen sind eng. Die USA sehen sie als Trumpf und Ansatzpunkt für Einfluss.

Foto © ReutersSoldaten versuchen die restlichen Demonstranten am Tahrir-Platz zum Heimgehen zu bewegen
Die Order klang etwas wolkig, war aber eindeutig. Schon vorige Woche bat das Pentagon seine Offiziere, alte Kontakte mit ägyptischen Kameraden wieder aufleben zu lassen. Keine konkreten Botschaften sollten übermittelt werden, berichtete die "Washington Post". "Es ging einfach darum, Verbindungen aufrechtzuerhalten", wurde ein hoher Beamter des US-Verteidigungsministeriums zitiert. Sie sind zahlreich. Man könne kaum durch amerikanische Spitzeninstitutionen des Militärs wie West Point oder Fort Bragg laufen, ohne auf einen Ägypter zu treffen, berichten Insider.
Schon vor dem von den Demonstranten erzwungenen Abgang des ägyptischen Präsidenten war aller Welt und vor allem Washington klar: Ohne die Streitkräfte geht nichts am Nil. Mindestens ein halbes Dutzend Mal telefonierten jeweils Pentagon-Chef Robert Gates und Generalstabschef Admiral Mike Mullen mit Militärspitzen in Kairo - aus gutem Grund. Umgerechnet rund eine Milliarde Euro pumpen die USA pro Jahr in das ägyptische Militär, um den engsten arabischen Verbündeten mit der größten Streitmacht der Region bei der Stange zu halten.
In seiner siebenminütigen Ansprache nach dem Rücktritt des Dauer-Herrschers machte US-Präsident Barack Obama am Freitag klar, was er nun von den Generälen in Kairo erwartet: die Rechte der Bürger schützen, den Ausnahmezustand aufheben und vor allem keine Rückkehr zu den Zeiten der Repression mehr zulassen. Aufatmen kann die US-Regierung noch nicht. Sie hat nun eine Mammutaufgabe vor der Brust: "Die Militärherrscher dazu zu drängen, echte demokratische Reformen herbeizuführen, denen sie sich jahrzehntelang entgegengestellt haben", meint die "Los Angeles Times".
Armee hat Eigeninteressen
Die Skepsis ist immens. "Die Armee stellt sich selber als Ordnungsmacht und Vermittler zwischen Gegnern dar", meint der Politologe Ellis Goldberg, der an der University of Washington und der Amerikanischen Universität in Kairo lehrt. "Aber sie hat erhebliche eigene Interessen zu verteidigen und ist, de facto, nicht neutral." Laut Goldberg das wahrscheinlichste Szenario: "Ein Militärputsch in Zeitlupe und die Rückkehr zum strengen Autoritarismus des Militärs der vergangenen Jahrzehnte." Erst die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, wie weit es mit der Demokratiebereitschaft der Generäle her ist.
Der Umbruch in Ägypten war für die US-Administration von Anfang an ein Dilemma. Es gab kaum einen guten Ausweg: Einerseits wollte der Friedensnobelpreisträger Obama auf der Seite des aufgebrachten Volkes stehen, andererseits lähmte die Angst, dass nach Mubarak im größten arabischen Land die Muslimbruderschaft zur bestimmenden Kraft werden könnte. Sich völlig von Mubarak abzuwenden war auch keine echte Option, sollte der greise Herrscher sich an die Macht klammern.
Jetzt hat es Washington mit zwei Schlüsselfiguren zu tun: Verteidigungsminister Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Vorsitzender des Obersten Militärrates, und Generalstabschef Sami Hafez Enan. Keiner von beiden sei "entschlossen pro-demokratisch", zitiert die "New York Times" (NYT) US-Offiziere. Tantawi sei sogar ein "scharfer Gegner politischen Wandels". In von Wikileaks veröffentlichten diplomatischen US-Depeschen wurde der 75-Jährige gar als "Pudel" Mubaraks bezeichnet und als "Haupthindernis, die Mission des Militärs auf künftige Bedrohungen der Sicherheit auszurichten". Amerikaner, die mit Enan zu tun hatten, beschreiben ihn als "aufgeweckt und innovativ", schreibt die Zeitung.










