Die Angst der Mächtigen vor der Macht des Internet
Ägypten hat das Internet für einige Tage "ausschalten" lassen, China hat eine neue Mauer 2.0 errichtet. Die Furcht der Regime vor der Sprengkraft im Netz wächst. Zu Recht?

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Serververbindung fehlgeschlagen - nichts ging mehr. Über viele Tage war in weiten Teilen Ägyptens der Zugang in das Internet schlicht nicht mehr möglich. Auch die Mobilfunknetze wurden abgeschaltet. Was technisch kompliziert klingt, war eigentlich trivial. Die vier größten Internet-Provider des Landes mussten sich der Anordnung der Regierung fügen und den Datenaustausch mit anderen Providern einstellen, das Protokoll, das für den Austausch zwischen den Netzen zuständig ist, wurde blockiert. Die Organisation und Mobilisierung der Proteste der Regierungsgegner sollte dadurch erschwert werden. Gelungen ist das nicht. Die Menschen strömten, wie zuvor auch in Tunesien, erst recht zu den Demos, womöglich auch aus Ärger über das erzwungene Internet-Blackout.
Seit dem Start der digitalen Datenautobahn wird auch über die Demokratisierung durch das Internet diskutiert. Auch wenn Medientheoretiker über die tatsächliche Macht der neuen Kommunikationskanäle streiten. Unbestritten ist, dass Kommunikationsmittel wie Twitter oder Facebook insbesondere der jungen Generation in autoritären Systemen ein Ventil verschafft. Mit begrenztem Aufwand lassen sich Proteste organisieren und Informationen nach außen transportieren. Zudem bietet das World Wide Web zumindest einen gewissen Grad an Anonymität.
"Twitter-Revolte"
Als Mittel der politischen Einflussnahme hat sich das Internet etabliert und die Machthaber vor neue Herausforderungen gestellt. Über die aufkeimenden Unruhen in Thailand im Mai des Vorjahres wurde von Augenzeugen zuerst über den Kurznachrichten-Dienst Twitter berichtet, es folgten Videos von Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Soldaten auf dem Videoportal Youtube. Westliche Medien haben diesen Eindrücken, die eine besondere Authentizität und Eindringlichkeit vermitteln, eine Plattform geboten. "Ohne Twitter wüsste niemand, was hier wirklich passiert", kommentierte damals der TV-Produzent Eric Seldin.
Das hat man ein Jahr davor auch bei den Demonstrationen im Iran gesehen, die sogar den Beinamen "Twitter-Revolte" erhalten hat - obwohl die tatsächliche Zahl der damals versendeten Twitter-Meldungen eher bescheiden war. Aber, so analysiert der Trend- und Zukunftsforscher Andreas Reiter: "Eine Twitter-Meldung erscheint auch auf Facebook. Eine Einzelmeldung wird da nicht verdreifacht, sondern millionenfach weiterverlinkt. Da ist es bei der Protestbewegung wie bei einem Dammbruch, da erhöht sich auch der Druck bei den wenigen Schlupflöchern." Reiter meint, dass Protestbewegungen - von Uni-Protesten bis hin zur millionenfachen Regime-Kritik in Ägypten - ohne elektronische Medien kaum noch möglich sind. "Eine Protestbewegung braucht eine Dynamik und vor allem einen Überraschungseffekt, um erfolgreich zu sein. Es ist die Fähigkeit, mit den Neuen Medien schneller zu sein als irgendwelche politische Abwehrstrategen."
Das Internet alleine macht noch keine Revolution, die neuen Web-Plattformen können aber eine ungeheure Katalysator-Wirkung entfalten. Das ist auch den autoritären Machthabern bewusst. Im Iran wurde - auch als Konsequenz aus den Protesten im Vorjahr - eine eigene "Internet-Polizei" gegründet, die auch die Herrschaft über die sozialen Netzwerke im Web übernehmen soll. Bis 2012 soll es in sämtlichen Polizeiwachen des Landes eigene Cyber-Polizisten geben. Und China hat bereits 1998 damit begonnen, einen ausgeklügelten Schutzwall für das Internet zu errichten, um die Bevölkerung "vor schädlichen Einflüssen von außen zu schützen".
Sperre wird ausgetrickst
Reiter bezweifelt den Erfolg über kurzfristige "Abschaltaktionen" hinaus: "Auf Dauer kann man Netze nicht steuern oder Herr über ein Netz sein, denn Netze steuern sich selbst. In jedem System gibt es Technologieführer, die knacken jede Sperre noch schneller, als sie errichtet ist." So wie es derzeit in Ägypten geschieht. Weil die Kurznachrichtenseite Twitter in Ägypten noch immer blockiert wird, wurden über Google & Co. kurzerhand Services eingerichtet, bei dem Twitter-Nachrichten per Telefon abgegeben werden können.











