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Zuletzt aktualisiert: 30.12.2007 um 10:10 Uhr

Ein Jahr Rot-Schwarz: Kritische Experten-Bilanz

Filzmaier: "Bilanz mit Schönheitsfehlern" - Pelinka: "Große Würfe wurden gemieden" - Sickinger: Längere Legislaturperiode "gefährliche Drohung" - Talos: "Arroganz der Großparteien"

Foto © APA

Von der APA befragte Politikwissenschafter ziehen nach einem Jahr Großer Koalition eine kritische Zwischenbilanz: Die großen Würfe seien bisher ausgeblieben, gemeinsame Reformprojekte nicht in Sicht. Kritik gibt es auch an der "Lähmung des Parlaments" (Stichwort: Asylgericht und Sicherheitspolizeigesetz). Als größte Herausforderungen sehen die Experten die Migrationspolitik sowie die Gesundheits- und Staatsreform.

Bilanz mit Schönheitsfehlern. Peter Filzmaier von der Donau-Universität Krems sieht eine "Bilanz mit Schönheitsfehlern": Die Darstellung der SPÖ ("Österreich ist sozialer geworden") werde vom Pflegestreit überlagert, jene der ÖVP ("Österreich ist sicherer geworden") von der Debatte um Grundrechtsverletzungen in der Ausländerpolitik. Große Würfe kann Filzmaier nicht erkennen: "Bei den großen Themen wurde der Kompromiss zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Es fehlt die eine große Herausforderung und damit auch das vielzitierte große Projekt, das Große Koalitionen haben sollten."

Urteil. "Die großen Würfe wurden gemieden, die kleinen wurden durchgebracht", urteilt auch Anton Pelinka von der Central European University in Budapest. "Wenn man sich nicht allzu viel erwartet hat, ist die Bilanz durchschnittlich, also befriedigend." Enttäuscht ist Pelinka, dass sich die Koalition nicht an eine "geordnete Migrationspolitik" und eine tiefgreifende Staatsreform heranwagt: "Die große Föderalismusreform findet ebenso wenig statt, wie die große Verfassungsreform generell. Da passiert nichts."

Durchwachsene Bilanz. Auch für Hubert Sickinger von der Universität Wien ist die Bilanz der Koalition "durchwachsen". "Die großen Würfe sind daran gescheitert, dass keine Seite der anderen Erfolge gönnen würde", kritisiert er. Außerdem stört ihn die Vorgehensweise bei Asylgericht und "Demokratiepaket", wo ohne breite Debatte tiefgreifende Änderungen beschlossen wurden. "Aus Sicht des Parlaments als Institution ist die Bilanz eindeutig negativ", befindet Sickinger. Die Verlängerung der Legislaturperiode sieht er daher als "gefährliche Drohung".

Kritik. Auch sein Kollege Emmerich Talos kritisiert die von Schwarz-Blau fortgesetzte "Lähmung des Parlaments" - etwa beim überfallartig beschlossenen Asylgericht und beim Sicherheitspolizeigesetz. "Das ist die Arroganz der Großparteien und die Arroganz der Sozialdemokratie, die auf einmal das, was sie vorher kritisiert hat, selbst macht." Inhaltlich sei zwar bei vielen Themen der "kleinste gemeinsame Nenner" umgesetzt worden, aber "Lösung ist das keine", kritisiert Talos. Wünschen würde er sich eine Reform der Gesundheitsfinanzierung inklusive Wertschöpfungsabgabe.


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