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Zuletzt aktualisiert: 28.12.2007 um 22:53 Uhr

"Pakistan droht zu zerfallen"

Für die Politologin Karin Kneissl ist die Krise nicht regional beschränkt - sie könnte nach Europa überschwappen.

Welche Folgen wird der Tod Bhuttos für Pakistan haben?
KARIN KNEISSL: Die Ermordung Benazir Bhuttos hat einen tiefen Graben gerissen. Die Situation wird sich mit Sicherheit weiter zuspitzen. Benazir Bhutto war wichtige Integrationsfigur in diesem fragmentierten Land, das aus so vielen Stammesgebieten und Regionen besteht und seit seiner Gründung nie zur Ruhe gekommen ist. Pakistan ist im vergangenen Jahr mit der Erstürmung der Roten Moschee und tagtäglichen Gewalttaten völlig außer Rand und Band geraten. Bhutto hätte das Land mit der von ihrem Vater gegründeten Partei zusammen halten können. Durch ihren Tod droht Pakistan eine weitere Zersplitterung, eine Implosion bis hin zum Zerfall.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Atomwaffen des Landes in falsche Hände geraten könnten?
KNEISSL: Die Tatsache, dass Pakistan ein Nukleararsenal aufbauen konnte, war schon bisher ein großes Problem. Speziell die USA und die Saudis haben bisher versucht, über Präsident Musharraf auf die Kontrolle des Roten Knopfes einzuwirken. Dabei ist völlig unklar, wie sehr man im Falle Pakistans wirklich auf Rationalität setzen kann. Dazu kommt, dass das Land auch konventionell bis an die Zähne hochgerüstet ist - schließlich hat die Armee stets das Rückgrat dieses schwachen Staates gebildet. Jetzt, wo sich alles aufschaukelt, könnte die Gewalt überschwappen in alle Richtungen - in einen prolongierten Bürgerkrieg genauso wie in einen Krieg mit den Nachbarstaaten, unter Einsatz dieses enormen Waffenpotenzials.

Könnte nun die Stunde der Islamisten schlagen, die in Pakistan nach oben drängen?
KNEISSL: Derzeit sind auch die Islamisten zu zersplittert, sie bilden keine einheitliche Front. Viel von der islamistischen Gewalt kommt heute über Afghanistan nach Pakistan. Man sollte aber nicht glauben, dass sich die Konflikte in Pakistan nur auf die Region beschränken werden: Auch Europa könnte durch die pakistanische Diaspora betroffen sein. In Großbritannien lebt immerhin die größte muslimische Gemeinde im Ausland; junge, wütende Pakistanis waren schon bisher in den Terror in London verwickelt. Ich sehe die Bedrohung durchaus in einem größeren Radius.

Was bedeutet der Tod Bhuttos für die USA?
KNEISSL: Washington weiß selbst nicht mehr, wie es den Eiertanz mit Musharraf fortsetzen soll. Ihre Hoffnungsträgerin Bhutto haben die USA verloren. Um eine neue Figur aufzustellen, auf die man im Antiterrorkampf gegen Taliban und Al Kaida setzen könnte, ist die Lage derzeit zu verworren. Präsident Musharraf haben die USA längst nicht mehr so im Griff, wie sie es sich wünschen.

INTERVIEW: NINA KOREN

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