"Ich bin müde": Japans Premier Abe tritt zurück
Der angeschlagene Premier nennt den Streit über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats als Grund für seinen Rücktritt.

Foto © APA"Ich bin müde"
In Japan ist der politisch angeschlagene Regierungschef Shinzo Abe nach nur einjähriger Amtszeit zurückgetreten. Seinen überraschenden Beschluss begründete der 52-Jährige am Mittwoch mit dem Streit über die Verlängerung des Afghanistan-Mandats für die japanische Marine. Die Parlamentsdebatte war für den Nachmittag angesetzt. Zur Überraschung vieler trat Abe aber nun bereits vor der Debatte zurück. An den Finanzmärkten löste die Nachricht Sorgen über ein politisches Vakuum aus: Aktienmärkte und Yen gaben nach.
Fakten
Das Volk brauche eine Führungspersönlich-
keit, der es vertrauen
könne, sagte Abe
auf einer Pressekonferenz. Ein Datum für sein Ausscheiden aus dem Amt
nannte er nicht. Außerdem sei er müde und habe
keine Energie mehr.
Angeschlagen.
Abe gilt seit längerem als politisch angeschlagen. Bei der
Oberhauswahl im Juli verlor seine Allianz aus Liberal-Demokraten
(LDP) und der Partei Neue Komeito die Mehrheit in der zweiten Kammer
des Parlaments. Eine Serie von Skandalen hatte das Ansehen von Abe
bereits davor beschädigt. Die schlechten Nachrichten haben sich
seither fortgesetzt. So traten jüngst weitere Minister zurück.
Insgesamt verlor Abe fünf seiner Kabinettsmitglieder: vier traten
zurück, einer beging Selbstmord.
Schmoren lassen.
Abe war insbesondere angetreten, um das Sicherheitsprofil des
Landes zu stärken. Die Verlängerung des Afghanistan-Mandats zur
Unterstützung des US-geführten Einsatzes lag ihm daher besonders am
Herzen. Es läuft am 1. November aus. Die Opposition, die nach der
Oberhauswahl die Kammer dominiert, kann die Verabschiedung von
Gesetzen hinauszögern und hatte angekündigt, Abe mit seinem Vorhaben
erst einmal schmoren zu lassen.
Zustimmung verloren.
"Der Zeitpunkt ist erstaunlich. Es ist eine große Überraschung. Er
hat gesagt, er setze seinen Job aufs Spiel im Zusammenhang mit den
Anti-Terror-Gesetzen, daher verstehe ich nicht, warum er bereits
zuvor zurücktritt", sagte Koichi Haji, Chef-Ökonom vom
Forschungsinstitut NLI.
In Umfragen hatten Abe und seine Regierung zuletzt deutlich an
Zustimmung verloren. Sein enger Vertrauter Taro Aso gilt Beobachtern
zufolge als wahrscheinlichster Nachfolger Abes. Abe folgte vor einem
Jahr Junichiro Koizumi im Amt des Regierungschefs.
Features
Zur Person
Shinzo Abe wurde am 21. September 1954 in Nagato geboren und war seit September 2006 Premierminister Japans.
Tradition
Abe stammt aus einer bekannten Politikerfamilie. Sein Vater war Shintaro Abe, ehemaliger Generalsekretär der Liberaldemokratischen Partei (LDP) und Außenminister, sein Großvater mütterlicherseits ist der ehemalige Premierminister Kishi Nobusuke.













