"Die Wende wäre erstaunlich billig"
Europa muss beim Klimaschutz auf seine weltweite Führungsrolle pochen, fordert der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Noch sei die Wende bei den Emissionen leistbar - und doch regiert bislang der Stillstand.

Foto © APA
In einem Monat startet der Weltklimagipfel in Katar. Was ist von solchen Verhandlungen überhaupt noch zu erwarten?
STEFAN RAHMSTORF: Man sieht aus der Erfahrung heraus, dass der Fortschritt in der Vergangenheit sehr schleppend war. Selbst wenn, wie geplant, bis 2015 ein neuer Klimavertrag ausgehandelt wird, stellt sich immer noch die Frage, ob ihn Länder wie die USA überhaupt ratifizieren. Da bin ich skeptisch. Die Folgerung daraus kann aber nicht sein, dass man diesen Prozess aufgibt. Bei einem globalen Problem sind internationale Lösungen nötig.
Aber ein großer Durchbruch ist ja nicht gerade in Sicht.
RAHMSTORF: Ja, die Chancen dafür stehen nicht gut. Weil aber die Zeit so sehr drängt, können wir nicht darauf warten, bis das perfekte globale Abkommen steht. Es müssen Teile der Welt wie etwa Europa vorangehen. Diese Regionen sollten untereinander Koalitionen bilden. Staaten wie China sind am Klimaschutz ja nicht desinteressiert, sie tun sich nur schwer mit einem verpflichtenden Abkommen.
Seit dem gescheiterten Gipfel von Kopenhagen 2009 wird jedes Jahr "die letzte Chance" für ein Abkommen ausgerufen. Nützt sich das nicht langsam ab?
RAHMSTORF: Es ist definitiv so, dass es jede weitere Verzögerung schwerer macht, die Erwärmung in Grenzen zu halten. Die Wissenschaft weist seit Langem darauf hin, dass wir dazu vor dem Jahr 2020 die Wende bei den Emissionen hinbekommen müssen - und zwar global. Derzeit steigen die weltweiten Emissionen von Jahr zu Jahr stärker an. Ein politischer Entschluss, der die Wende bringt, hätte eigentlich in Kopenhagen erreicht werden müssen.
Die Politik hat sich vor Jahren zum Ziel gesetzt, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Ist das überhaupt noch realistisch?
RAHMSTORF: Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das Zwei-Grad-Limit schon noch einzuhalten, wenn man die Emissionen schnell genug herunterfährt. Auch technologisch ist es über die erneuerbaren Energien und Effizienzmaßnahmen machbar. Der Knackpunkt ist aber die Politik. Hier ist die Entschlusskraft nicht erkennbar.
Woran liegt das?
RAHMSTORF: Offenbar muss der Problemdruck noch größer werden, wenn auch die Anzeichen nicht mehr wegzuleugnen sind. Die Hitzewellen werden häufiger. Die USA haben heuer den wärmsten Juli seit Messbeginn erlebt. Nur werden solche Extremereignisse in der amerikanischen Presse kaum noch mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht.
Was würde es uns eine radikale Wende mit einem Eindämmen der Emissionen kosten?
RAHMSTORF: Das wäre noch erstaunlich preisgünstig. Untersuchungen zeigen, dass es uns ein bis drei Prozent des Bruttosozialprodukts kosten würde, um die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten. Die Investitionen in das Energiesystem müssten um 50 bis 100 Prozent erhöht und auf CO2-freie Energiequellen fokussiert werden. Das entspricht etwa der Summe, die heute in Subventionen für fossile Energie gesteckt wird. Da fragt man sich, warum es nicht längst selbstverständlich ist, dass man diesen Weg geht.
Features
Zum Thema
Zur Person
Stefan Rahmstorf, geboren 1960 in Konstanz, gilt als einer der bedeutendsten Klimaforscher im deutschsprachigen Raum.
Er gehört zu den Leitautoren des vierten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC (2007), berät die deutsche Regierung in Umweltfragen und bekleidet das Fach "Physik der Ozeane" an der Universität Potsdam.













