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    Zuletzt aktualisiert: 20.10.2012 um 23:28 UhrKommentare

    "Palästinenser wären immer Bürger zweiter Klasse"

    Ari Rath, langjähriger Chefredakteur der Jerusalem Post, ist ein scharfer Kritiker der israelischen Besatzungspolitik. Der 87-Jährige ist in der Welt des Internets und des Handys zu Hause.

    Foto © Christian Müller

    Sie haben einmal gesagt: Wann immer Sie in Wien sind, fühlen Sie sich nur wohl, wenn Sie ein Rückflugticket nach Israel in der Manteltasche haben. War 1938 so traumatisch, dass man ein Leben lang nicht damit fertig werden kann?

    ARI RATH: Was heißt traumatisch? Das war fürchterlich. Was in den ersten fünf Monaten nach dem Anschluss an Enteignungen, Verhaftungen, Demütigungen in Wien passiert ist, ist in fünf Jahren Hitler in Deutschland nicht passiert. Deine Nachbarn sind reingekommen, haben die Wohnung ausgeräumt, das Geschäft illegal übernommen. Ich erinnere daran, dass Göring den damaligen Gauleiter aufgefordert hat, dass er sofort die ungesetzmäßigen Enteignungen abstellt.

    Sie waren ein Wiener Bua, der innerhalb weniger Wochen zur Persona non grata wurde.

    RATH: Nicht wenige Wochen, sondern wenige Tage Stunden nach der Abdankung von Schuschnigg hat man zum ersten Mal im Radio das Horst-Wessel-Lied gespielt. Am nächsten Tag hingen überall Hakenkreuzfahnen, bei manchen Fahnen hat man das Kruckenkreuz herausgeschnitten. Die gesamte Wiener Polizei hatte schon Hakenkreuzbinden. Meinen Bruder hat man dann runtergeschleppt, er musste mit Zahnbürsten die Pflastersteine abwaschen. Meine kleine Schwester ist runter gegangen. Ihr ist es gelungen, meinen Bruder Maxi zurück nach Hause zu bringen. Es war fürchterlich.

    Gab es nicht auch menschliche Hoffnungsstrahlen?

    RATH. Die gab es. Ich hatte zu meiner Bar Mitzwa ein Steyr-Fahrrad bekommen. Am Montag nach dem Anschluss sah ich bereits meinen besten Freund in der Hitlerjugend-Uniform auf der Straße. Ein, zwei Tage später kam er zu uns in die Wohnung und erklärte mir, dass seine HJ-Horde eine Fahrradstaffel gründen wolle. Er machte den Vorschlag, nach außen hin werde er mein Fahrrad beschlagnahmen. Sollte ich auswandern, würde ich es wieder bekommen. Das war dann auch so, als ich im November nach Palästina ging. Ich bin sicher, es war das einzige Fahrrad in Israel, das je in der Hitlerjugend gedient hat.

    Sie schreiben in ihrer Autobiografie über diese Dinge in einem Ton, der fast distanziert und mild ist. Wie das?

    RATH: Es hat sehr viele Jahre gedauert, bis ich mich mit Österreich versöhnt habe. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich.

    Hier ist alles später passiert.

    RATH: In Österreich war die Waldheim-Affäre der wichtigste Beitrag zur Aufarbeitung. 1988 war ich zum 50. Jahrestag des Anschlusses in Wien. Wegen der Waldheim-Affäre hat man eine ganze Fülle von Veranstaltungen abgehalten. Ohne die Waldheim-Affäre hätte es nur ein, zwei Veranstaltungen gegeben. Man muss sich fragen, warum hat es in Österreich fast 45 Jahre gedauert.

    Haben Sie eine Erklärung?

    RATH: Es gab viele Familien mit einer braunen Vergangenheit.

    Das galt für Deutschland auch.

    RATH: Die österreichische Mentalität ist eine andere.

    Glücklich ist, wer vergisst?

    RATH: Deutsche sind genauer, exakter. Die Österreicher sind bequemer und schlampiger.

    Sie sind in Wien aufgewachsen, mussten mit 13 Jahren nach Palästina. Jetzt sind sie wieder viel in Wien. Was ist für Sie Heimat?

    RATH: Ich fühle mich in den Zwischenzeit in Wien wohl, weil es auch ein anderes Österreich gibt. Dennoch: Wien ist mein Geburtsort, aber nicht meine Heimat. Auch wenn ich jetzt ein halbes Jahr hier verbringe, kann es nie wieder Heimat sein. Es wird nie wieder so werden wie früher.

    Haben Sie noch immer ein Rückflug-Ticket in der Tasche?

    RATH: Nein, heute kann man im Internet sofort einen Flug buchen.

    Sind Sie mit Österreich versöhnt?

    RATH: Mit einem Teil, aber ich zitiere immer einen wichtigen Spruch, den Kanzler Vranitzky bei seinem Israel-Besuch 1993 in das Gedenkbuch der Holocaust-Gedenkstätte hineingeschrieben hat: Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Vranitzky hat recht gehabt, die Strache-Partei könnte bei den nächsten Wahlen ein Viertel der Stimmen bekommen. So was wäre in Deutschland undenkbar.

    Sie machen sich aber mehr Sorgen um Israel als um Österreich.

    RATH: Ich mache mir große Sorgen um Israel. Premier Netanjahu hat die Wahlen auf Jänner vorgezogen. Wie es aussieht, hat er gute Chancen, wieder die größte Fraktion im Parlament zu werden.

    Wie kann jemals ein palästinensischer Staat entstehen, wenn das Westjordanland mit Siedlungen durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse?

    RATH: Ich gehöre zu den unverbesserlichen Optimisten, die glauben, dass eine Zwei-Staaten-Lösung möglich ist. Wenn wir noch länger warten, wird es nicht mehr gehen. Es gibt heute schon viele Israelis und Palästinenser, die sagen, es ist alles so verzwickt, es geht nur ein demokratischer Staat. Ich glaube nicht daran.

    Woran?

    RATH: Dass es möglich ist, einen gemeinsamen demokratischen Staat zu schaffen. In einem solchen Staat wären die Palästinenser immer Bürger zweiter Klasse.

    Hilft der arabische Frühling?

    RATH: Es hat sehr hoffnungsvoll angefangen, er hat aber in einigen Ländern dazu geführt, dass islamische Fundamentalisten an die Macht gekommen sind. Der jetzige ägyptische Präsident behauptet, dass Ägypten sich auch weiter an den Friedensvertrag mit Israel halten will. Ich fürchte nur, dass das nicht das letzte Wort ist. Solange Israel nicht auf einen großen Teil der besetzten Gebiete verzichtet, bleibt es ein gefährlicher Brennpunkt im Nahen Osten. Mit Kritik müssen wir leben, und wir dürfen die Kritik nicht immer ablehnen.

    Mit dem Argument, es ist antisemitisch.

    RATH: Genau. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Obama hat am Anfang seiner Regierungszeit einen Fehler begangen. Nach seiner großen Rede in Kairo, wo er ein Versöhnungszeichen mit der islamischen Welt gesetzt hat, hat er nicht einen Zwischenstopp in Tel Aviv eingelegt, sondern ist direkt nach Deutschland geflogen, um Merkel zu treffen und dann Buchenwald zu besuchen. Das war ein grober Fehler. Einer unserer besten Journalisten hat geschrieben: Mr. Obama, wir sind Israelis, nicht Diaspora-Juden. Wenn sie Buchenwald besuchen, ist es eine schöne Geste, aber uns haben sie ignoriert.

    Sie sehen den arabischen Frühling skeptisch. Wäre es besser, wenn in Syrien alles so bliebe?

    RATH: Unter keinen Umständen. Man kann nicht alles in der Region in denselben Topf werfen. Es gibt jede Menge Staaten, wo ein absoluter Herrscher mit einer Scheindemokratie alles zusammenhält. Ein gutes Beispiel war Mubarak. In den 80er Jahren wusste jeder, wie korrupt die ganze Familie von Mubarak war. Man muss sich immer fragen: Soll man den Korken in der Flasche halten oder nicht? Die große Frage ist, was ist besser? Das bedeutet nicht, dass man auf Dauer ein vollkommen unmenschliches Regime wie jenes von Assad, wo Tausende schon ermordet wurden, aufrechterhalten soll. Israel ist im Vergleich zu vielen anderen Staaten ein Leuchtturm. Wir müssen und sollen auch weiter ein Licht für die anderen Völker und Staaten bleiben. Dazu gehört aber, dass wir es uns nicht erlauben können, auch nach 45 Jahre noch eine Besatzungsmacht zu bleiben. Das demoralisiert unsere eigene Gesellschaft.

    Letzte Frage: Obama oder Romney?

    RATH: Obama natürlich, gleichwohl ich enttäuscht bin, wie wenig Druck Obama bisher auf Israel ausgeübt hat. Er war mit anderen Dingen beschäftigt und hat alles in eine Schublade gesteckt. Aber die Schublade bleibt nicht immer zu. Irgendeinmal kommt das kleine Gespenst auch aus einer geschlossenen Lade heraus.

    INTERVIEW: THOMAS GÖTZ; MICHAEL JUNGWIRTH

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