Am Rand des atomaren Abgrunds
13 Tage lang hielt die Welt den Atem an: Mit der Kuba-Krise vor 50 Jahren drohten USA und Sowjetunion in den Atomkrieg zu schlittern.

Foto © APUS-Präsident John F. Kennedy mit Air Force Major Richard 'Steve'' Heyser (links) und Air Force Chef Gen. Curtis LeMay (Mitte)
Weißt du was, Papa?", sagte die fünfjährige Caroline an jenem Tag trotzig zu John F. Kennedy. "Ich will nicht, dass du so viel tust!" Doch es war der Morgen des 16. Oktober 1962, und von da an sollte JFK 13 Tage lang bis zum Äußersten von der Weltgeschichte gefordert werden. Es war jener Morgen, an dem Kennedy von seinen Generälen darüber informiert wurde, dass die Sowjetunion in einer Geheimaktion atomar bestückte Mittelstreckenraketen nach Kuba brachte - unmittelbar vor die Küste Miamis. Zahlreiche US-Städte waren nun in Reichweite der sowjetischen Raketen. Es war der Beginn einer Krise, in der ein Atomkrieg nur einen Knopfdruck entfernt sein würde. "Wir sehen uns später, Caroline", sagte der Präsident.
Aufklärungsflugzeuge der US-Marine hatten die sowjetischen Abschussrampen und Atomraketen entdeckt. Am 16. Oktober beginnen fieberhafte Beratungen darüber, wie Washington auf die unvorstellbare Provokation Moskaus reagieren soll. Die Amerikaner spekulieren über die Motive der Sowjets - wollten sie mit den Raketen auf Kuba Zugeständnisse in Westberlin erpressen? Die Hardliner in Kennedys Kreis fordern einen Angriff - doch was, wenn dieser Krieg eine nukleare Kettenreaktion auslöst? "Europa wäre im Kriegsfall auf alle Fälle Hauptschlachtfeld gewesen", erklärt Bernd Stöver, Zeithistoriker an der Universität Potsdam.
Kennedy entscheidet sich für eine Seeblockade Kubas. Er will die sowjetischen Schiffe, die mit Waffen an Bord Richtung Kuba unterwegs sind, zum Umkehren zwingen. Am 22. Oktober informiert er die Öffentlichkeit, kündigt die Blockade an und droht mit einem Atomkrieg, sollten die Raketen nicht abgezogen werden. Erstmals und bisher das einzige Mal in der Geschichte der USA wird das US-Atomarsenal weltweit in die zweite Alarmstufe versetzt. Chruschtschow ruft die gesamte Parteispitze zusammen. "Eine Seeblockade ist Piraterie!", empört sich der Kreml-Chef. Wenn es zu einer Durchsuchung sowjetischer Schiffe käme, werde er den U-Booten Befehl erteilen, US-Schiffe zu versenken. Der Krieg nähme seinen Lauf.
Kennedy bringt seine Armada in Stellung. Was wird passieren, wenn die amerikanischen Schiffe auf die sowjetischen treffen? "Wir waren in der Situation von Duellanten", berichtet U-Boot Kommandant Nikolaj Schumkow später. Die sowjetischen U-Boote haben einen Nukleartorpedo an Bord - und die Amerikaner keine Ahnung davon. Ein US-Zerstörer zwingt Schumkows U-Boot zum Auftauchen. Militärs beider Seiten stehen sich gegenüber. Die Kapitäne haben Feuererlaubnis, aber keinen Funkkontakt mit Moskau für eine Rückversicherung. "Hätte auch nur einer von uns zu den Waffen gegriffen, wäre eins zum anderen gekommen", erzählt Schumkow. "Unsere Selbstbeherrschung half, dass kein Krieg entfacht wurde." Schließlich drehen die sowjetischen Transportschiffe ab.
Für Siegfried Beer, Historiker und Geheimdienstexperte an der Karl-Franzens-Universität in Graz, hat sich Kennedy unglaublich geschickt verhalten. "Er stand unter enormem Druck der Falken. Doch wann immer jemand radikale Schritte forderte, fand er Argumente, um eine US-Reaktion hinauszuzögern." Kennedy gibt nach und verspricht, keine Invasion Kubas mehr zu unternehmen. Stillschweigend wird zudem vereinbart, dass auch die US-Raketen in der Türkei, die Moskau bedrohen, abgezogen werden. Dennoch konnte Kennedy den Ausgang der Krise als seinen Sieg verkaufen: Chruschtschow musste seinen Plan, Nuklearwaffen auf Kuba zu stationieren, aufgeben. "Es war eine unglückliche Zuspitzung des Kalten Krieges, die so keiner wollte", erklärt Bernd Stöver.
Die Krise wird zum Wendepunkt. Es folgen Atomwaffensperr- und Abrüstungsverträge sowie das "rote Telefon": Kennedy und Chruschtschow kommunizierten bisher nur über Dritte - im Krisenfall soll es künftig eine direkte Verbindung geben.
Für Chruschtschow, der sich an das Stillschweigen hält, bedeutet die Kuba-Krise eine diplomatische Niederlage und den Anfang vom Ende seiner politischen Karriere. Der kahlköpfige Maschinenschlosser wird von Leonid Breschnew gestürzt. Chruschtschow wird zur Unperson. Als einzigem Führer der KP wird ihm ein Platz auf dem Ehrenfriedhof an der Kremlmauer verweigert.
Kennedy hatte zumindest kurz wieder Zeit für Caroline. "Wir alle atmen dieselbe Luft, wir alle hoffen für die Zukunft unserer Kinder und wir alle sind sterblich", wird er ein Jahr später sagen.













