Womit haben wir das verdient?
Die prestigeträchtigste Auszeichnung der Welt geht heuer nach Brüssel. Begründung: Die EU habe Europa zu einem "Platz des Friedens" gemacht. Die Reaktionen schwanken zwischen Begeisterung und völliger Ablehnung.

Foto © APA
Für mehr als ein halbes Jahrhundert Frieden, Versöhnung und Demokratie erhält die Europäische Union den Friedensnobelpreis 2012. Nach vielen Jahren des Krieges auf dem Kontinent habe die europäische Integration eine Alternative aufgezeigt, begründete das Norwegische Nobelkomitee in Oslo am Freitag die Entscheidung. Die EU habe geholfen, aus einem "Kontinent des Krieges einen Kontinent des Friedens zu machen".
In der Europäischen Union wurde die Auszeichnung mit großer Freude aufgenommen. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy zeigte sich "sehr stolz" und erklärte, der Preis "sei die größtmögliche Anerkennung für die tiefen politischen Motive hinter der Union".
Der Präsident der Europäischen Kommission, Jose Manuel Barroso, bezeichnete den Preis als "große Ehre für die gesamte EU", er habe "mit großer Emotion" von der Auszeichnung erfahren.
"Einzigartiges Projekt"
Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, erklärte, der Friedensnobelpreis für die EU könne als Inspiration dienen: "Die EU ist ein einzigartiges Projekt, das Krieg durch Frieden, Hass durch Solidarität ersetzte." Das Preisgeld solle deshalb in die soziale Gerechtigkeit in Europa investiert werden, sagte Schulz in Wien.
Die hohe Auszeichnung für die Europäische Union hat allerdings nicht nur positive, sondern auch kritische Reaktionen hervorgerufen. So zeigte sich der freiheitliche Europaabgeordnete Andreas Mölzer "verwundert" über die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees, denn die heutige EU habe sich "meilenweit" vom europäischen Friedensprojekt entfernt, erklärte er in einer Aussendung.
Die EU ist aus Sicht Mölzers in der derzeitigen Eurokrise kein "Faktor der Stabilität", im Gegenteil: "Die EU legt mit ihrem Vereinheitlichungs- und Zentralisierungswahn den Keim für kommende Konflikte, was die Eurokrise eindrucksvoll bestätigt." Die Währungsunion habe nicht zu einem Zusammenwachsen der Völker, sondern zu "neuem Hass und zu Spaltungstendenzen" geführt, so der FPÖ-Mandatar. "Vom europäischen Friedensprojekt hat sich die real existierende Europäische Union unserer tage meilenweit entfernt."
Klaus hielt Vergabe für "Scherz"
Der tschechische Präsident und EU-Skeptiker Vaclav Klaus hat die Bekanntgabe in einer ersten Reaktion als "Scherz" abgetan. Der neoliberale Staatschef könne die Nachricht nicht glauben, sagte sein Sprecher Radim Ochvat am Freitag der Zeitung "Pravo". Tschechiens Außenminister Karel Schwarzenberg begrüßte dagegen die Osloer Entscheidung. Er bezeichnete die Europäische Union als größtes Friedenswerk der Nachkriegszeit.
"Lächerliche" Entscheidung
Die russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa zeigte sich enttäuscht. "Ich hätte es besser gefunden, wenn zum Beispiel ein politischer Häftling im Iran den Preis erhalten hätte", sagte Alexejewa, die im Vorfeld als Favoritin für den Preis gehandelt wurde. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an eine solch staatliche bürokratische Struktur wie die EU sei "lächerlich", sagte sie der Agentur Interfax. "Seit Jahren verhalten sich die Behörden der EU und deren internationale Strukturen ziemlich gleichgültig gegenüber Problemen von Frieden, Demokratie und Menschenrechten", sagte die Mitbegründerin des Memorial-Zentrums.













