"Ein neuer Abwehrkampf mit geistigen Waffen"
Nächtlicher Terror auf Straßen, Mord- und Bombendrohungen, ein Sprengstoffanschlag. Welche Hand führte Regie? Welche klandestinen Netzwerke zogen die Fäden? Letzter Teil der dreiteiligen Serie.

Foto © KKDeutschnationale Demonstration vor dem Klagenfurter Landhaus
Hier spricht ein heimattreuer Kärntner, wenn von Ihnen weiter die Ortstafeln überwacht werden, fliegt der erste Hochspannungsmast in die Luft. Nehmen Sie das zur Kenntnis", drohte ein Anrufer dem Beamten am Gendarmerie-Posten Eisenkappel. In Bleiburg ließ eine weibliche Stimme wissen: "Hier spricht eine heimattreue Kärntnerin, ich möchte nur melden, dass heute der Stoff gezündet wird, den uns Sima und Kreisky bereitgelegt haben." Am 25. Oktober 1972 ging über Notruf bei der Bundespolizeidirektion Klagenfurt die anonyme Warnung ein, "gegen Sima werde ein Attentat verübt. Melden Sie dies weiter!" In der Zeit zwischen Ende September und Anfang November 1972 war eine überbordende Zunahme nie aufgeklärter Bomben- und Morddrohungen zu beobachten.
Wird man jemals in der Frage einig sein, wer den "Ortstafelsturm" verantwortete und hinter den Kulissen die Fäden zog? Allein KHD-Obmann Josef Feldner bekämpfte Unterstellungen, wonach der "Kärntner Heimatdienst" organisatorisch in den "Ortstafelsturm" involviert gewesen sei, erfolgreich mit gerichtlichen Klagen. In den 1970er-Jahren sei es allen Beteiligten klar gewesen, erklärte der ehemalige Innenminister Erwin Lanc (SPÖ), dass "der ?geistige Widerstand' gegen die Ortstafeln im Kärntner Heimatdienst konzentriert war".
Wenige Tage vor Beschlussfassung des "Ortstafelgesetzes" organisierte der KHD eine der geistigen Mobilmachung dienende Protestkundgebung in Ferlach, die in einem Appell an die Kärntner Vertreter im Nationalrat gipfelte: "Treffen Sie keine Regelung, die nicht die tatsächlichen ethnischen Verhältnisse zur Grundlage hat und treffen Sie keine Regelung, die zufolge erwiesener Mängel eine gefährliche Reibungsfläche zwischen dem deutschen Mehrheitsvolk und der slowenischen Minderheit darstellt! Können Sie es verantworten, in Hinkunft als Wegbereiter einer Entwicklung in Kärnten zu gelten, die weder Sie noch wir als am Frieden im Lande Interessierte wollen?"
Im Vorfeld berichtete die Staatspolizei, KHD-Protagonisten, ein Bezirksobmann der ÖVP und Vertrauensmann des KHD für das Rosental sowie mehrere Angehörige des "Kärntner Abwehrkämpferbundes" hätten den Beschluss gefasst, "dass gegen die beabsichtigten doppelsprachigen Aufschriften für 205 Ortschaften in Südkärnten ein Gegenpol geschaffen werden muss". Bereits im April 1972 hatte KAB-Obmann Siegfried Sames proklamiert, "einen neuen Abwehrkampf (. . .) mit geistigen Waffen" auszutragen.
Bundeskanzler Bruno Kreisky bezeichnete FPÖ und Norbert Burgers rechtsradikale NDP als Drahtzieher der Aktionen. Pragmatisch urteilte Oskar Peterlunger, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit: "Die Behauptungen, wonach es sich bei den ?Ortstafelstürmern' um Faschisten und Nazisten handle, seien schlichtweg falsch und stellen einen Selbstbetrug dar. Rechtsextremisten seien am Konflikt interessiert, sie sind aber nicht die Initiatoren."
Die Quellen zeigen: Aktivisten und Rädelsführer kamen aus allen drei Parteien, also SPÖ, ÖVP und FPÖ. Nicht zuordenbar ist die breite Masse der Claqueure. Kontrovers ist die Rolle von Bürgermeister Vitus Jesse (SPÖ). Allenthalben leistete er "psychische Beihilfe", die Taxierung als "Agent provocateur" steht im Raum. Sicherheitsorgane und Justiz nahmen zwar Jesses Auftritte und radikal zelebrierte Politik aufs Korn, sie klammerten aber - vermutlich in Unkenntnis - einen Aspekt aus: den Eintrag in der Evidenz des jugoslawischen Geheimdienstes.
Dass lokale ÖVP-Frontleute und Bauernbündler als Rädelsführer verwickelt gewesen seien, ist anzunehmen: Siegfried Peteln, Gemeinderat der ÖVP in St. Kanzian, hätte, unterstützt von ÖVP-Bauernbundobmann Josef Hofmayer, zur Violenz gegen die Ortstafeln aufgerufen. Auch Studentenkorporationen hätten sich am Marsch durch das nächtliche Kärnten beteiligt. Allen gemeinsam war: Das deutsche Kärnten mit Zähnen und Klauen gegen das kommunistische Jugoslawien zu verteidigen. Das Motiv für die Ablehnung zweisprachiger Ortstafeln entspringe, kommunizierte Oskar Peterlunger, so unverständlich dies klingen möge, "einer echten ?Angst' vor einem Anschluss Südkärntens an Jugoslawien".
In der aufgeheizten Atmosphäre des "Ortstafelkrieges" schleuste Titos Geheimpolizei vier Agitationsgruppen mit dem Auftrag ein, die Spannungen zwischen Minderheit und Mehrheit in Kärnten und im Burgenland zu verschärfen. Angeblich operierten die drei in Kärnten eingesetzten Gruppen erfolgreich. Zum Einsatz sei auch ein Sprengkommando gekommen, das den Auftrag hatte, durch einen Anschlag die Kluft zwischen beiden Bevölkerungsgruppen noch weiter zu vertiefen. Höchstwahrscheinlich mit Legenden ausgestattete und gedungene Handlanger der jugoslawischen Geheimpolizei beteiligten sich Indizien zufolge an der gewaltsamen Entfernung zweisprachiger Ortstafeln. So geschehen in Mühlbach und St. Jakob.
Mitten in dem durch anonyme telefonische Mord- und Bombendrohungen angespannten Klima der Angst detonierte bei St. Kanzian ein auf einem Hochspannungsmast angebrachter Sprengsatz. Österreichs oberster Sprengstoffexperte befand in seiner Expertise: Die Anbringung der elektrischen Zündungsanlage weise darauf hin, dass der Hersteller der Sprengladung im Kreise von Bastlern zu suchen sei, die sich mit Flugtechnik und Funksteuerung beschäftigen. Schwer wogen diese Indizien: Zwei Kärntner Slowenen hätten sich den Sprengstoff durch Verbindungen nach Jugoslawien beschafft. Vom militärischen Sprengstoff TNT war die Rede, der in einem Fahrzeug mit jugoslawischem Kennzeichen nach Österreich gebracht worden sei.
Anklage wurde keine erhoben. Sachbeweise und schlagende Verdachtsmomente reichten offenbar nicht aus. Es hieß: In Anbetracht der sensiblen politischen Lage sei bei Ermittlungen "auf staatspolitische Erwägungen unbedingt Bedacht zu nehmen". Mit anderen Worten: Aus Gründen der Staatsräson sollte nicht "zu tief gebohrt" werden.
Ende der Serie












