In den Straßen von Madrid
Im Buch "Mit eigenen Augen" berichten 19 ORF-Korrespondenten in aller Welt von ihrem Alltag. Josef Manola, dessen Text wir auszugsweise bringen, schildert das Krisenszenario in Madrid.

Foto © APAPlatz der vielen Demonstrationen: die Puerta del Sol
An einer belebten Ecke der Puerta del Sol, wo jeden Morgen Tausende Menschen aus den unterirdischen Gängen der Schnellbahn ans Tageslicht treten, und in letzter Zeit immer mehr Händler in gelben Jacken mit der Aufschrift "Kaufe Gold" den von Gläubigern bedrängten Schuldnern für deren Familienjuwelen einen Bestpreis versprechen - an dieser Ecke findet man zum Eingang der Konditorei La Mallorquina. Mit etwas Glück ist der Tisch am großen Fenster im oberen Stockwerk frei, von dem aus die Puerta del Sol zu überblicken ist.
Der Platz, den ein Autor als "Gravitationszentrum" der Stadt bezeichnete, war immer schon Schauplatz bedeutender Ereignisse: Hier nahm 1808 der Aufstand der Madrider Bevölkerung gegen die französischen Invasoren seinen Anfang, 1931 wurde die Zweite Republik hier ausgerufen, und noch heute finden die meisten Kundgebungen hier ihr Ende. Von diesem Fenster habe ich beobachten können, wie sich nicht nur der Platz im Lauf der Jahre gewandelt hat. Auch Spanien hat sich in den Jahren, die ich in Madrid verbracht habe, verändert - es verlor nach dem Betritt zur Europäischen Gemeinschaft seinen herben Charme, wurde "europäischer".
Kluft
Das könnte die Kluft, die sich durch die Krise Europa gegenüber auftut, wieder ändern: Die höchste Arbeitslosenrate und die anhaltende Rezession zeigen bereits Wirkung. Vom Mallorquina-Fenster im ersten Stock sind immer öfter Demonstrationszüge zu beobachten, die auf der Puerta del Sol zu Ende gehen. Beamte protestieren gegen Einschnitte, mit denen die Regierung die Defizitvorgaben von EU und IWF zu erfüllen sucht. Während die Staatsbediensteten sich gegen Lohnkürzungen wehren, sehen Schüler und Studenten die Qualität ihrer Ausbildung oder schlicht ihre Zukunft in Gefahr.
Auch die Bewegung "Echte Demokratie Jetzt" (¡Democracia Real YA !) hat die Puerta del Sol zum Ort ihrer regelmäßigen Stelldichein gemacht. Die Teilnehmer wollen sich mit dem Konsumismus der Boom-Jahre nicht mehr zufrieden geben und träumen von einer Gesellschaft jenseits des monetär messbaren Erfolgs. Kritiker sprechen der von Parteien unabhängigen Gruppe, die als Netzwerk von Basisgruppen in den Bezirken funktioniert, jede Fähigkeit ab, die Realpolitik zu beeinflussen. Sympathisanten sehen in der Bewegung eine Kraft abseits der traditionellen Blöcke, die Spanien in Zukunft sehr wohl verändern könnte. Wir werden sehen.
Features
Fakten
Der Herausgeber: Roland Adrowitzer, geb. 1957 in Hallein, Dr. jur., seit 1978 beim ORF.
Das Buch: Adrowitzer hat 19 ORF-Auslandskorrespondenten eingeladen, von ihrer Arbeit zu berichten. Das Buch besteht aus persönlichen Reportagen und Berichten, die sowohl das Leben der Journalistinnen und Journalisten im Ausland als auch die Länder, aus denen sie berichten, begreifbar machen.
"Mit eigenen Augen" - ORF-Korrespondenten berichten. Styria premium, 29,99 Euro.












