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Zuletzt aktualisiert: 04.10.2012 um 05:06 UhrKommentare

Franz Vranitzky: Der Nadelstreif-Kanzler wird 75

Der SPÖ-Politiker führte mehr als ein Jahrzehnt das Land und brachte Österreich in die EU.

Foto © Reuters

Österreichs ältester Alt-Kanzler wird am heutigen Donnerstag 75. Franz Vranitzky gehört zu den prägendsten Persönlichkeiten der österreichischen Politik der letzten Jahrzehnte. Als Regierungschef führte er Österreich in die EU, bekannte sich öffentlich zur Mitschuld Österreichs im Nationalsozialismus und zog einen Wall gegen die FPÖ auf, der von den Sozialdemokraten auch ein Vierteljahrhundert später noch nicht niedergerissen worden ist. Das S im Parteinamen wurde unter Vranitzky von sozialistisch auf sozialdemokratisch umgetauft.

Dass Vranitzky heute auf SPÖ-Parteitagen akklamiert wird wie sonst keiner, ist gar nicht so selbstverständlich, wie es bei einem scheint, der mehr als ein Jahrzehnt das Land und neun Jahre die Partei führte. Denn ganz unumstritten war der gebürtige Wiener in den eigenen Reihen von Anfang an nicht.

"Sozialist im Nadelstreif"

Das kam einerseits daher, dass er aus dem Lager von Bruno Kreiskys Intimfeind Hannes Androsch kam, andererseits daher, dass der "schöne Vranz" Banker war, schon zur damaligen Zeit in der SPÖ eine verdächtige Spezies. "Sozialist im Nadelstreif" lautete die abfällige Beschreibung eines Politikers, der es ohne die klassische Ochsentour durch die Partei an die Spitze schaffte. Der Stammtisch war nie das seine, schon eher das noblere Kanzlerfest, das unter Vranitzky seine Blütezeit hatte.

Dabei stammt Vranitzky aus einer Hernalser Arbeiterfamilie, studierte dann aber Betriebswirtschaftslehre, heuerte nach einem Siemens-Kurzgastspiel bei der Nationalbank an und landete schließlich als wirtschaftspolitischer Berater beim damaligen Finanzminister Androsch. In den 80er-Jahren startete Vranitzkys Banken-Karriere so richtig, über die CA ging es in die Länderbank, wo er als Generaldirektor fungierte.

Von letzterer Position holte ihn der damalige Bundeskanzler Fred Sinowatz zurück ins politische Geschäft als Finanzminister. Als Sinowatz in der Folge der Wahlniederlage Kurt Steyrers bei der Bundespräsidentenwahl gegen Kurt Waldheim im Jahr 1986 als Kanzler ging, war Pragmatiker Vranitzky trotz Nörgelns aus den traditionelleren Reihen der SPÖ der logische Nachfolger. Die Parteiführung übernahm er zwei Jahre später.

Die Ära des neuen Kanzlers brauchte nicht lange bis zu ihrem ersten Paukenschlag. Als Jörg Haider - gestützt von weit rechten Kräften - die Macht in der FPÖ übernahm, stornierte Vranitzky die rot-blaue Koalition, ging in Neuwahlen und hielt seine SPÖ vor der ÖVP, mit der er eine Große Koalition einging, die mehr als ein Jahrzehnt halten sollte und Österreichs EU-Beitritt als bedeutendstes Projekt hatte.

Image-Tief nach Waldheim-Affäre

Vranitzkys ebenso große Herausforderung bestand darin, Österreich aus dem internationalen Image-Tief nach der Waldheim-Wahl zu führen. Das gelang, umso mehr als er 1991 in einer viel beachteten Rede vor dem Parlament klar stellte, dass Österreicher nicht nur Opfer sondern sehr wohl auch Täter im Nationalsozialismus gewesen seien. 1993 bereiste Vranitzky als erster österreichischer Regierungschef in offizieller Mission Israel.

In der Heimat hatte der oft umständlich formulierende Kanzler mit dem stetigen Aufstieg des mundflinken Jörg Haiders und dem damit verbundenen Rückfall der großen Volksparteien zu kämpfen. Doch einmal ging es noch. Als der neue ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel 1995 in einem Hasard-Spiel die Regierung platzen ließ, zog Vranitzky in sein letztes großes politisches Gefecht, brachte die SPÖ wieder auf Platz eins, fügte Haiders FPÖ erstmals eine Niederlage zu und verdonnerte die ÖVP quasi zu einer Neuauflage der bei den Schwarzen ungeliebten Großen Koalition.

Abgang zum richtigen Zeitpunkt

Gut ein Jahr später, genau am 18. Jänner 1997, ging Vranitzky, von niemandem gedrängt und eigentlich am Höhepunkt seiner Macht, ein nicht nur in Österreich seltener Fall vom Abgang zum richtigen Zeitpunkt. Langweilig wurde Kreta-Fan Vranitzky auch danach nicht, umso mehr als er gleich zum OSZE-Sonderbeauftragten für das damals kriselnde Albanien ernannte wurde. Seine Zeit verbrachte er später unter anderem mit einer Konsulenten-Tätigkeit bei der WestLB und als Aufsichtsrat im Frank Stronach-Konzern Magna. Aufs Geld schaute Vranitzky gern. Als er den umstrittenen Investmentbanker Wolfgang Flöttl zur Euro-Einführung beriet, lukrierte er eine Million Schilling (72.673 Euro), ein Rand-Thema im BAWAG-Prozess.

Der klassische Zwischenrufer wurde Vranitzky auch in der Polit-Pension nicht. Wenn ihm etwas ein Anliegen ist, verschweigt er sich aber nicht. Zuletzt war ihm vor allem eine tiefere europäische Integration sein Wunsch. In der SPÖ engagierte er sich 2006 noch einmal als Leiter des Personenkomitees für Alfred Gusenbauer. Seiner Partei steht er bis heute loyal gegenüber, auch wenn er bei manchen Themen, etwa in der Wehrpflicht-Debatte, nicht auf Linie ist.

Privat feierte Vranitzky heuer mit Ehefrau Christine Goldene Hochzeit, ihr spendete er vor einigen Jahren eine Niere. Das Ehepaar hat zwei Kinder. Auch vielfacher Großvater ist der frühere Basketball-Nationalspieler seit Jahren.


Zur Person

Franz Vranitzky, geboren am 4. Oktober 1937 in Wien.

Karriere

Vranitzky wuchs als Sohn eines Eisengießers in einfachen Verhältnissen auf. Nach dem Studium wechselte er ins Bankgeschäft. 1984 wurde der damalige Chef der Länderbank SPÖ-Finanzminister. Von 1986 bis 1997 Bundeskanzler. Von 1997 bis 2011 im Magna-Aufsichtsrat.

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