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Zuletzt aktualisiert: 01.10.2012 um 20:44 UhrKommentare

"Die Kärntner als Gallier? Das ist ja lächerlich!"

Der Regierungswechsel ist das stärkste Symbol für einen Neustart in Kärnten, sagt Philosoph Konrad Paul Liessmann im Kleine Zeitung-Interview.

Foto © APA/Neubauer

Sie werden mit den Worten zitiert: "Es gibt nur zwei Dinge, die man an Kärnten vermissen kann - Seen und Berge." Alles andere ist zum Vergessen?

KONRAD PAUL LIESSMANN: Ich weiß nicht, ob ich es so gesagt habe. Aber natürlich gibt es viele Dinge in Kärnten, bei denen man nicht bedrückt wäre, wenn es sie nicht gäbe: etwa die Art und Weise, wie hier Politik betrieben wird. Seen und Berge stehen für mich für das Potenzial des Landes. Ich hab schon sehr den Eindruck, dass man mit diesem Vermögen sehr schlampig umgeht und viel davon verspielt hat.

Sie kamen 1953 in Villach zur Welt, maturierten am Peraugymnasium, ehe Sie zum Studium nach Wien gingen. Fühlen Sie sich als Kärntner?

LIESSMANN: Ich tu mir schwer mit solchen Zuschreibungen. Mir waren geistige Heimaten mindestens ebenso wichtig wie materielle Heimaten. Wobei ich gerne zugestehe, dass die ersten 18 Jahre, die ich in Kärnten verbracht habe, positiv prägend waren. Wenn man in Kärnten aufgewachsen ist und in Wien lebt, hat man immer das Gefühl, es fehlt etwas: nämlich ein anderer Horizont.

Ein kleinerer?

LIESSMANN: Nein, ein anderer. Ich halte nichts davon Menschen, die in einem Tal aufwachsen, von vornherein mit einem geringeren Horizont zu denunzieren. Ein Berg signalisiert ja nicht nur Enge, sondern auch eine Höhe, die man erklimmen kann.

Viele "Exil-Kärntner" beklagen die Enge des Landes.

LIESSMANN: Kärnten gehört zu jenen Regionen, die durch ihre Enge eine Sehnsucht nach Weite hervorrufen. Ich halte es für keinen Zufall, dass eine Reihe der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts aus Kärnten kommt.

Dennoch gilt das Land als anti-intellektuell.

LIESSMANN: Es ist gefährlich, von dem, was sich in der Politik abspielt und reich an Kuriositäten ist, auf die Gesamtverfassung Kärntens zu schließen. Zwischen Politik, Land und Bevölkerung wird gerne ein Ist-gleich-Zeichen gesetzt. Man kann nicht alle Menschen in Kärnten gleichsam in Geiselhaft einer Politik nehmen, die nicht auf der Höhe der Zeit ist.

Müsste auch die Kärntner Identität neu aufgesetzt werden, ähnlich einem "Nation Branding"-Prozess?

LIESSMANN: Ich bin skeptisch gegenüber solchen Identitätskonzepten. Aber Kärnten könnte sich überlegen, wo Möglichkeiten stecken, in Zukunft das Bild und damit das Leben seiner Bewohner positiv zu verändern. Ist es notwendig, dass man dieses Land hauptsächlich mit GTI- und Harley-Davidson-Treffen assoziiert, während der Carinthische Sommer seine Aura fast verspielt hat? Es ist eine Riesenchance, wenn Kärnten sein Zusammenleben mit den Nachbarn mit einem neuen, offenen, europäischen Image versieht.

Kärnten scheint dennoch ein gespaltenes Land zu sein.

LIESSMANN: Von außen ist Kärnten das politisch reaktionäre, rückständige Haider-Land. Hier sind Parteien an der Macht, die Spiele spielen können, die in keiner anderen Demokratie möglich sind. Auf der anderen Seite ist es das Land Ingeborg Bachmanns und des Bachmann-Preises. Kärnten hatte und hat bedeutende bildende Künstler. Man hat von außen den Eindruck, dass in Kärnten im Bereich der Kultur womöglich mehr passiert als vor Ort wahrgenommen und zugegeben wird.

War Jörg Haider Ursache oder bloß Symptom der Krise?

LIESSMANN: Er war ja Wahlkärntner und hat es geschickt verstanden, vorhandene Spannungen und Konflikte aufzugreifen und auszunutzen. Er war in gewisser Weise ein Symbol der Krise. Für bestimmte fatale Entwicklungen, die wir erst allmählich in ihren Größenordnungen und in ihrer Tragweite erkennen, war er aber auch Ursache.

Das Duo Hypo und Haider - befallen von Größenwahn?

LIESSMANN: Die Kleinheit der Bank auf der einen Seite und der Eroberungsgestus auf der anderen waren besonders skurril - aber keine Kärntner Spezialität. Es war die Kärntner Ausprägung einer Spekulations- und Expansionseuphorie, die vor allem im Finanzsektor das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geprägt hat.

Die Hypo verschlingt mehr Steuergeld als Griechenland.

LIESSMANN: Das schadet objektiv dem Land. Dieses schiefe Bild kann man nur korrigieren, wenn man so rasch wie möglich diejenigen zur Verantwortung zieht, die sich ja vollmundig als Verantwortungsträger bezeichnen. Jetzt wäre die Stunde da, für gravierende Fehler einzustehen. Aber diese vermeintlichen Verantwortungsträger aus Politik und Wirtschaft fühlen sich als Helden, wenn etwas gut geht - falls es schiefgeht, waren sie es nicht und überlassen die Misere der Gemeinschaft. Man kann das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen nicht auf Dauer so überstrapazieren, wie wir es gegenwärtig tun.

Die FPK proklamiert, Kärnten werde als gallisches Dorf gegen den Euro-Rettungsschirm kämpfen. Kommt das bei Wählern an?

LIESSMANN: Es ist lächerlich, wenn sich Kärnten als gallisches Dorf geriert und selbst von so einem Rettungsschirm lebt. Würde Österreich mit Kärnten so umgehen wie manche FPKler mit Griechenland umgehen wollen, müsste man Kärnten bankrottgehen und aus dem Staatsverband ausscheiden lassen.

Wie kann ein Neustart gelingen?

LIESSMANN: Ein Land ist kein Computer, den man, wenn er sich aufgehängt hat, neu startet. Die Vergangenheit strukturiert auch die Gegenwart. Sei es auch nur, weil man die Schulden, die man angehäuft hat, in der Gegenwart zahlen muss. Es wurden Pfade gelegt, die man nicht ungeschehen machen, aber verlassen kann.

Wohin führen die neuen Pfade?

LIESSMANN: Man müsste auch durch ein starkes Symbol zeigen, dass man neu beginnen will. In der Demokratie zeigt sich solch ein Neubeginn durch einen Regierungswechsel: Neuwahlen so schnell als möglich. Und ein Wahlergebnis - das Sache des Volkes ist -, das signalisiert: Wir wollen etwas anders machen, durch die Personen, Programme und Parteien, die gewählt werden. Wenn das nicht passiert, kann man so lange wie man will von Neustart schwätzen - man wird nichts grundlegend ändern.

UWE SOMMERSGUTER

Zur Person

Univ. Prof. Konrad Paul Liessmann, "Wissenschaftler des Jahres" 2006, ist Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften an der Universität Wien.

Lesetipp: Liessmanns jüngstes Werk, "Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft" (Zsolnay Verlag).

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