Annäherung an den Übervater
Die CDU feiert ihren einstigen Übervater 30 Jahre nach dessen Amtsantritt als Kanzler im Deutschen Historischen Museum. Im Kleinen wird dort deutlich, was auch im Großen gilt: Die Deutungshoheit über den Kanzler der Einheit schwankt zwischen Verklärung und Verärgerung.

Foto © APAAngela Merkel mit dem Geehrten
In einer Ecke des Deutschen Historischen Museums in Berlin klebt noch der Titel der gerade beendeten Ausstellung: "Verehrt, verklärt, verdammt." Es ist eine Schau über Friedrich den Großen, doch der Titel passt auch irgendwie zu diesem Abend. An historischer Stelle im Herzen der deutschen Hauptstadt wird ein anderer großer Staatsmann mit einem Festakt gefeiert. Die CDU hat geladen, um Helmut Kohl zu ehren. Am 1. Oktober ist es 30 Jahre her, dass der Oggersheimer zum ersten Mal die Regierung übernommen hat und damit zu dem werden konnte, wofür ihn seine Partei nun feiert: Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas.
Alle sind sie an diesem Abend gekommen. Natürlich die Kanzlerin Angela Merkel, Kohls "Mädchen", die die Laudatio für ihn hält, einstige und jetzige Minister sowie Parteiobere und selbst Wolfgang Schäuble, der Ziehsohn und designierte Nachfolger, der in Ungnade fiel und seither ein wortloses Unverhältnis zu Kohl pflegt. Dabei ist der Ehrenakt auch so etwas wie eine Rückkehr in den Schoß der Partei, denn Kohl hat der CDU nicht nur 16 Jahre Regierungszeit beschert, sondern auch eine gigantische, unaufgeklärte Parteispendenaffäre. Der 82-Jährige weigert sich bis heute beharrlich, die Namen der Spender zu nennen.
Wieder einmal ist an diesem Abend die Rede vom unglaublichen Gespür Kohls für den richtigen Moment - sei es bei der deutschen Einheit oder bei der Einführung des Euro. Merkel sagt: "Kohl hat sich verdient gemacht um Deutschland und Europa", und spricht danach über die aktuelle Krise. Kohl ist einer der Väter des Euro, aber er hat die Währungsunion nachlässig installiert. Der Kanzler drängte nicht darauf, den Euro mit einer politischen Union im Maastricht-Vertrag abzusichern. Er ließ sich vom französischen Präsidenten François Mitterand abringen, den Weg zum Euro irreversibel zu machen und den Euro-Ländern damit den Druck zu nehmen, die ökonomischen Konvergenzkriterien einzuhalten. Dieses politische Zugeständnis für ein friedliches Europa muss Merkel heute über die Verhandlungen mit den Schuldenstaaten ausbaden.
Abgeschirmt im Bungalow
Es geht dabei immer auch um die Deutungshoheit über die Lebensleistung des einstigen Übervaters der CDU und Einheitskanzlers. Ein Spagat zwischen Verklärung und Verärgerung. Dabei spielen auch persönliche Verletzungen mit, nicht nur bei Merkel, Schäuble und einigen Weggefährten, die Kohl eiskalt fallen ließ. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das persönliche Umfeld des Pfälzers. Der "Spiegel", von Kohl seit Jahrzehnten mit einem Bann belegt, titelte in dieser Woche mit einer sehr persönlichen Geschichte über Kohl. Ein Informant aus dem inneren Zirkel hat zum ersten Mal über den derzeitigen Zustand des schwer kranken Altkanzlers und sein Leben in seinem Oggersheimer Bungalow ausgepackt. Angereichert werden die Informationen mit Erzählungen der beiden Kohl-Biografen. Dabei verdichtet sich, was in den vergangenen Monaten von ehemaligen Weggefährten, die mittlerweile nicht mehr an Kohl herankommen, in die Öffentlichkeit getragen wurde: Kohls neue Frau Maike Kohl-Richter ist zu seinem Sprachrohr geworden und schirmt ihren Mann stärker ab als bisher allgemein angenommen. 2005 trat sie offiziell an die Seite Kohls und füllte damit eine Lücke, die der Tod seiner ersten Frau Hannelore hinterlassen hat. Alle Vertrauten sagen über Kohl-Richter, wenn sie nicht wäre, würde ihr Mann vermutlich nicht mehr leben. Sie ist fürsorglich, aber bestimmend. Kohl kann sich nicht mehr wehren. Er sei klar im Kopf, aber seit einem schweren Sturz in seinem Haus 2008 kaum noch in der Lage verständlich zu sprechen. Auch reiche seine Konzentration bei Gesprächen mit den wenigen, die noch Zugang zu ihm haben, maximal für 15 Minuten. In der Regel übernimmt dann Maike Kohl-Richter das Gespräch, berichten die Besucher.
Auch seine beiden Söhne Walter und Peter gehören seit Langem nicht mehr zum Kreis der Auserwählten. Walter hat über das schwierige Familienleben ein Buch geschrieben. Es wurde ebenso ein Bestseller wie Kohls Memoiren und das Buch über Hannelore Kohl von Heribert Schwan. Der Historiker und Journalist hatte etliche Jahre Zugang zu Kohl und zu seinen Akten - auch jene unter Verschluss gehaltenen der ehemaligen DDR-Staatssicherheit. Doch auch Schwan kann nur noch aus der Entfernung einschätzen, was im Bungalow passiert und wie Kohl die heftige öffentliche Diskussion über seine Rolle beim Euro einschätzt. Hatte Hannelore Kohl noch ein intensives Vertrauensverhältnis zu Schwan und vertraute ihm auf ihren Spaziergängen in der Nacht, wenn sie sich mit ihrer Lichtallergie aus dem Haus wagte, intime Details an, so hat sich Kohl-Richter während der Arbeit am vierten Teil von Kohls Memoiren in dessen Namen von Schwan getrennt.
Europas größter Staatsmann
Auf dem Weg der Versöhnung ist Kohl dagegen mit seiner Partei oder besser: sie mit ihm. Erst eine Fraktionssitzung im Bundestag, bei der Kohl gefeiert wurde, und nun dieser Abend in dem Museum, das wie kein zweites die deutsche Geschichte beleuchtet. Kohl hat seinen Platz darin gefunden, wenn auch vorerst nur für diesen einen Abend. Der Kampf um die Deutungshoheit über seinen Platz in der Geschichte wird weitergehen. Für den ehemaligen US-Präsidenten George Bush sen. ist die Rolle schon klar. Er erklärt Kohl in einer Videobotschaft zum "größten Staatsmann, den Europa je hatte". Und der spanische Regierungschef Felipe Gonzalez drückt es noch pathetischer an diesem Abend in Berlin aus. Für ihn sei Helmut Kohl "der größte Kanzler seit Bismarck".
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Bild vergrößern1984: Eine historische Geste - Helmut Kohl und François Mitterrand Hand in Hand vor den Gräbern von VerdunFoto © APA
1984: Eine historische Geste - Helmut Kohl und François Mitterrand Hand in Hand vor den Gräbern von VerdunGrafik © APA
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Bild vergrößern1986: Inszeniertes Familienidyll: mit seiner Frau Hannelore im traditionellen Österreich-Urlaub in St. Gilgen Foto © APA
1986: Inszeniertes Familienidyll: mit seiner Frau Hannelore im traditionellen Österreich-Urlaub in St. Gilgen Grafik © APA
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Bild vergrößern2012: Späte Versöhnung mit seinem "Mädchen": Nachfolgerin Angela Merkel applaudiert dem Altkanzler Foto © APA













