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Zuletzt aktualisiert: 28.09.2012 um 21:04 UhrKommentare

Das verschandelte Land

Shoppingzentren, Lärmschutzwände, Plakatwände, Straßen: Ein Buch von ORF-Journalist Tarek Leitner befeuert den Ärger über die "Verschandelung des Landes". So werden etwa in Wien, Salzburg und Graz Stimmen lauter, die wieder mehr lebenswerte Flanierfläche fordern.

Foto © Fotolia

Im steirischen Liezen und im oberösterreichischen Attnang-Puchheim ist man mäßig entzückt. Der Grund liegt in Tarek Leitner, "Zeit im Bild"-Moderator und neuerdings Buchautor. In seiner Streitschrift "Mut zur Schönheit" geißelt der ORF-Journalist die zunehmende "Verschandelung Österreichs" und führt die beiden Städte als Beispiele für objektiv hässliche Orte an.

Die Diskussion, die Leitner damit befeuert hat, geht jedoch weit über den gekränkten Stolz einzelner Stadtbewohner hinaus. Seine Schilderung hat Wucht: Ein Wildwuchs an Einkaufszentren, Schnellstraßen, Lärmschutzwänden, Fast-Food-Tempeln und Reklameflächen gepaart mit einer konzeptlosen Raumordnung verunstalte das Land zunehmend. "Wir können doch nicht so viel verwahrloste Umgebung hinnehmen!", schreibt der Journalist.

Dass er damit einen Nerv getroffen hat, zeigt sich nicht nur an Leitners "überquellendem E-Mail-Eingang", seit das Buch im Handel ist. Tatsächlich sind es immer mehr Menschen, die gegen eine Entwicklung zu Felde ziehen, die sie als zunehmend störend empfinden. Beim österreichischen Ökobüro, das Bürgerinitiativen Rechtshilfe bietet, spricht man von einem deutlichen Anstieg an Anfragen in den letzten Jahren. "Den Leuten ist es nicht mehr egal, wie es um sie herum aussieht, sie sind alarmierter als früher", sagt der Umweltjurist Lukas Wachter.

So werden in Wien, Salzburg und Graz wieder Stimmen lauter, die die Autos aus den Kernen der Städte zurückdrängen wollen, um wieder mehr lebenswerte Flanierfläche zu haben. Graz macht sich zudem Gedanken, das Dickicht aus Werbeflächen auszuholzen. "Die ewig dahinziehenden Plakatwände müllen die Stadt optisch zu, das Flair wird zerstört", klagt Gertraud Strempfl-Ledl vom internationalen Städteforum. Und die allzu grelle Dauerbeleuchtung in der Stadt, einst stolzes Zeichen von Modernität, stört mittlerweile längst nicht nur Astronomen, die sich am getrübten Blick auf die Sterne im Umfeld von Graz stoßen.

Das objektiv Schöne

Doch ist es überhaupt zulässig, das alles pauschal als hässlich abzukanzeln? Der Streit ist so alt wie der Begriff der Ästhetik selbst. "Vieles, was wir heute schön finden, galt vor Jahrzehnten noch als unästhetisch und umgekehrt", sagt der Wiener Soziologe Otto Penz. "Solche Zuschreibungen können sich rasch ändern." Und doch gibt es Eigenschaften, die über Geschichte und Kulturen hinweg als ästhetisch betrachtet werden. "Es gibt objektivierbare Kriterien für Schönheit, auch für unsere Umgebung", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann. "Wird sie unansehnlicher, führt das zu einer Verrohung der Gemüter."

Tatsache jedenfalls ist, dass laut Umweltbundesamt in Österreich jedes Jahr 25 Hektar Fläche durch Bauten versiegelt werden. "Straßen, Kraftwerke, Skilifte: Es wird quer durch die Landschaft gebaut. Das sieht fürchterlich aus, die Leute haben das satt", sagt Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbands.

Mitschuld an diesem Wildwuchs ist eine traditionell ungeordnete Raumordnungspolitik. In weiten Teilen der Ost-, Süd- und Weststeiermark dominieren Orte ohne Kern, Häuser wurden errichtet, wo es gerade gefiel, die Verhüttelung ist grenzenlos. Wo sich dennoch Zentren bildeten, folgte bald eine Umfahrungsstraße, an der sich neue Zentren ansiedeln - diesmal aber in Form von Fachmarkt-Containern, Diskontketten und Parkplatzzeilen.

So gesehen kein Wunder, dass die Sehnsucht nach schöner Umgebung größer wird. Paradoxerweise ist es aber gerade der daraus resultierende Massentourismus, der mit Skiliften, Rodelbahnen und Schneedörfern dafür sorgt, dass auch entlegene Alpenregionen ein neues Antlitz bekommen. Der Dachstein erhielt einen Skywalk, am Warscheneck im Toten Gebirge entsteht bald eine neue Skischaukel. "Unsere Berge werden immer mehr für Events inszeniert und verschandelt", ärgert sich Alpenvereinsobmann Christian Wadsack.

Buchautor Tarek Leitner hofft dennoch auf ein Umdenken, weg vom reinen Nutzendenken. "Denn was einmal hässlich verbaut ist, ist für immer verloren."


Fakten

Der Autor: Tarek Leitner, geboren 1972 in Linz, begann seine journalistische Laufbahn beim Landesstudio Oberösterreich. 1997 wechselte er als innenpolitischer Redakteur zur "Zeit im Bild" in Wien. 2001 arbeitete er als Leiter des ORF-Büros in Brüssel. Derzeit moderiert er die "Zeit im Bild 1" um 19.30 Uhr an der Seite von Marie-Claire Zimmermann. Leitner ist mehrfacher Romy-Preisträger.

Das Buch: Mut zur Schönheit. Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs. Brandstätter Verlag, 202 Seiten, 22,50 Euro.

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