Eine Wahl ohne Auswahl
Europas allerletzter Diktator ruft am Sonntag zur Parlamentswahl auf. Aber die Opposition gegen Alexander Lukaschenko wurde völlig kalt gestellt. Von Korrespondent Ulrich Krökel.

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Katharina Statkewitsch findet "alles völlig verrückt". Ihr Vater Nikolai ist seit zwei Jahren in einem weißrussischen Straflager inhaftiert, weil er es Ende 2010 gewagt hatte, in einer Wahl gegen Alexander Lukaschenko anzutreten. Die anschließenden Proteste gegen den diktatorisch regierenden Präsidenten schlug die Sonderpolizei brutal nieder.
Am Sonntag wird in Weißrussland wieder gewählt, diesmal das Parlament. Der inhaftierte Sozialdemokrat Statkewitsch wird nicht dabei sein. "Sie haben ihn zu einem ehemaligen Kommandeur der Geheimpolizei in die Zelle gesteckt, der im Verdacht steht, einen Oppositionspolitiker ermordet zu haben", berichtet Tochter Katharina über die "andauernden Schikanen".
Irina Widanowa ist nach einer Zeit in Polen in die weißrussische Hauptstadt Minsk zurückgekehrt. "Wenn jemand etwas verändern kann, dann sind es die Jüngeren", sagt die 33-Jährige, die das regimekritische Online-Jugendportal "34mag.net" leitet. Illusionen über den bevorstehenden Wahlsonntag macht sie sich jedoch nicht. "Es wird keine Proteste wie 2010 geben. Die Opposition ist zerstritten. Und die Menschen im Land glauben ohnehin nicht, dass diese Wahl etwas mit ihnen zu tun hat", erklärt Widanowa und wird darin durch unabhängige Umfragen bestätigt. Drei Viertel der Weißrussen sehnen sich nach Wandel. Doch nur ein Drittel glaubt, dass die Abstimmung fair und frei sein wird.
Auch die offiziellen Zahlen belegen indirekt, dass Lukaschenko seinen Bürgern keine echte Wahl lässt. Das Regime hat 364 Kandidaten für die 110 Sitze des sogenannten Repräsentantenhauses zugelassen. Mehr als 120 Bewerbern wurde die Teilnahme verweigert - oft mit fadenscheinigen Begründungen, wie die Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) urteilen. Größtenteils handelt es sich um regimekritische Politiker. Die meisten verbliebenen Kandidaten der Opposition haben inzwischen ihren Boykott erklärt.
Vieles spricht dafür, dass im neuen Parlament wie bisher alle Abgeordneten dem Lukaschenko-Lager zuzuordnen sein werden. Echte Macht haben die Deputierten ohnehin nicht. Gerade einmal drei Gesetze haben die Parlamentarier in den vergangenen vier Jahren auf den Weg gebracht. Fast immer ging die Initiative von Lukaschenkos Apparat aus. "Es ist sinnlos, an diesen Wahlen teilzunehmen", erklärt der Sozialdemokrat Stanislaw Schuschkewitsch. Der 78-Jährige war nach dem Zerfall der Sowjetunion Parlamentspräsident in Weißrussland. Heute sagt er: "Die Staatsmacht beherrscht alles." Fast alles. Protest regt sich im Internet. Seit Wochen machen in sozialen Netzwerken wie Facebook und dem russischsprachigen Vkontakte Online-Aktivisten gegen den Präsidenten mobil. "Stop Luka!", lautet ihre Devise.
Anfang September ließ Lukaschenko Dutzende Seitenbetreiber festnehmen, um die Administratoren-Passwörter aus uns herauszuprügeln. Genutzt hat es nichts. In immer neuen Foren verspottet die Internet-Opposition den Präsidenten und ruft virtuell zu seinem Sturz auf. Die reale Macht aber liegt weiter beim Diktator.
Features
Zur Person
Alexander Lukaschenko. geboren am 30. August 1954 in Kopys (Weißrussland)
Werdegang: Studierte Agrarwissenschaften und Geschichte. Ab 1975 bei der Grenztruppen der UdSSR, danach Politstellvertreter einer Panzerkompanie, KPdSU-Sekretär in einer Sowchose. 1991 unterstützte der den Putsch gegen Michail Gorbatschow. 1994 erster Präsident des Landes. Dubiose Wiederwahlen













