Im Vatikan existiert eine Mauer des Schweigens
Weitere 20 Personen im Vatikan seien zu Enthüllungen bereit, so der Ex-Kammerdiener des Papstes in einem Interview. Ihm selbst ginge es um Transparenz. "Wir sind in einem Land, wo man hineingehen, ein Blutbad veranstalten und ungestört wieder weggehen kann".

Foto © APWelche Geheimnisse sind im Vatikan noch verborgen?
Der italienische TV-Kanal "La 7" hat am Montagabend das vollständige Interview des italienischen Autors Gianluigi Nuzzi mit dem wegen schweren Aktendiebstahls angeklagten Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, ausgestrahlt. Das Interview war bereits auszugsweise im Frühjahr gezeigt worden. Der unkenntlich gemachte und mit verzerrter Stimme präsentierte Gabriele berichtete, dass es ihm hauptsächlich um Transparenz im Vatikan gehe. Es gebe etwa 20 Personen im Vatikan, die wie er zu Enthüllungen bereit seien, um Transparenz zu sichern, sagte der Mann, der nach eigenen Angaben seit 20 Jahren im Staatssekretariat arbeitet und praktizierender Katholik ist.
Als Motivation für sein Handeln nannte Gabriele Wut und Angst; es gebe im Vatikan eine Mauer des Schweigens. "Der Papst will für Sauberkeit sorgen, doch er stößt auf Schwierigkeiten", sagte Gabriele, der am 23. Mai verhaftet wurde.
Mauer des Schweigens
Diese Mauer des Schweigen lasse "die Wahrheit der Dinge nicht nach außen" dringen, behauptete Gabriele. So habe der Vatikan den Mord an dem Schweizergarde-Kommandanten Alois Estermann und seiner Frau 1998 nicht aufgeklärt. "Wir sind in einem Land, wo man hineingehen, ein Blutbad veranstalten und ungestört wieder weggehen kann", sagte der Zeuge. Ebenso habe man sich nicht genügend um Ermittlungen im Entführungsfall der damals 15-jährigen Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi im Sommer 1983 bemüht.
Nuzzis Buch "Sua Santita", in dem er Briefe und Akten aus der unmittelbaren Umgebung des Papstes veröffentlichte, sorgte in den vergangenen Monaten weltweit für Schlagzeilen. Laut Ermittlungen der vatikanischen Staatsanwaltschaft hat der frühere päpstliche Kammerdiener Nuzzi zahlreiche kopierte Briefe und Geheimdokumente aus der Wohnung des Papstes weitergegeben. Als die Dokumente veröffentlicht wurden, spekulierten italienische Medien, innervatikanische Flügelkämpfe seien die wahre Ursache für den Vertrauensbruch gewesen, eines der Angriffsziele sei Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone.
Gabriele saß zunächst 53 Tage lang in Haft, bevor er im Juli unter Hausarrest gestellt wurde. Gabriele hatte seit dem Jahr 2006 für den Papst gearbeitet. Er war einer der wenigen Vertrauten des Oberhaupts der katholischen Kirche, die Zugang zu dessen Privaträumen hatten. Im Fall einer Verurteilung drohen Gabriele bis zu sechs Jahre Haft.













