Die ÖVP im Almrausch
Im Tiroler Dorf Alpbach führte die ÖVP in den letzten zwei Tagen vor, wie zerstritten und planlos sie ist. Jeder wollte jeden ablösen. Vorerst bleibt alles, wie es ist.

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Wer macht denn da so einen Krach? In der Nacht auf Mittwoch ärgern sich Gäste eines Tiroler Landgasthofes über eine Gruppe, die vor ihren Fenstern laut streitet. "Ihr werdet mich nicht los!", schreit ein Mann.
Diese Episode eröffnete ein fast 48 Stunden dauerndes Schauspiel, in dem die Volkspartei der Öffentlichkeit vorführte, wie zerstritten, verwirrt, planlos sie ist. Die ÖVP probte "Selbstmord mit Anlauf", wie es ein Hauptdarsteller der Tragikomödie selbst ausdrückte. Vom Parteiobmann abwärts waren alle wichtigen Spieler zumindest kurz in Diskussion. Als Donnerstagabend der Vorhang fiel, hatte sich an der Besetzungsliste dann aber gar nichts geändert.
Die Bühne dafür bot Alpbach, ein Dorf in den Kitzbüheler Alpen, so malerisch, dass es jeden Wettbewerb für Blumenschmuck gewinnen könnte. Seit 1945 tagt hier, wenn sich der Sommer dem Ende zuneigt, das Europäische Forum Alpbach, ein Diskussionszirkel, den Philosophen von Theodor W. Adorno bis Karl Popper, Politiker von Indira Gandhi bis Helmut Kohl beehrten. Zwei Wochen lang tummeln sich hier Staatschefs und Gewerkschaftsbosse, Industrielle und Manager, Wissenschaftler und Studenten, dazwischen Journalisten und Berater für alles und jedes.
Mittwoch, beim Frühstück, erzählen die Zeugen des nächtlichen Streits anderen Gästen davon. Diese tratschen es weiter. Bis zum Mittagessen entwickelt sich daraus diese Geschichte: Der Schreihals muss der aus Vorarlberg stammende ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf sein, es war doch - in Tirol - von einem westösterreichischen Idiom die Rede. Also doch! Parteichef Michael Spindelegger will lieber Finanz- denn Außenminister sein, das würde ihm mehr politisches Gewicht verleihen. Maria Fekter, derzeit für die Staatsfinanzen zuständig, will er in den Nationalratsklub abschieben, Kopf in das Parlamentspräsidium.
Zwei Stunden später haben die Gerüchte einen ganz anderen Drall: Spindelegger selbst müsse Platz machen. Die Journalisten eilen zur Hauptschule, wo Fekter gleich darüber diskutieren wird, ob es den Österreichern nicht zu gut gehe. Sie könnte jetzt sagen, sie werde nicht den Parteivorsitz übernehmen, Fekter wählt aber diese Worte: "Es ist bekannt, dass ich eine sehr loyale Teamplayerin bin. Wir werden gemeinsam das machen, was die ÖVP nach vorne bringt."
Die Sonne verschwindet hinter den Gipfeln, auf einer Alm lädt ein Handelskonzern zur Brettljause. Wer zum schwarzen Reichsdrittel zählt, kennt nur mehr ein Thema. Ein ÖVP-Mandatar sagt: "Wir spielen schlechter als das Fußballnationalteam." Eigentor um Eigentor. Ein Industrieller versteht nicht, warum Spindelegger Finanzminister werden wolle: "Erst arbeitet er sich kaputt, dann muss er schlechte Nachrichten überbringen."
Fekter habe alle weiteren Termine in Alpbach abgesagt und sei abgereist, erzählt ein ÖVP-Mitarbeiter. Zu diesem Zeitpunkt hält sie unten im Dorf beim Abendessen eines Softwareherstellers eine Rede.
Beim Empfang eines Handynetzbetreibers im besten Haus am Platz überlegt ein Medienmanager, wie sie sich als Spitzenkandidatin machen würde: "Vor einer Nationalratswahl gibt es fünf TV-Duelle. Bei zweien sagt Fekter etwas Verrücktes." Ein Banker würde für Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner stimmen. "Aber die Partei zusammenhalten, mobilisieren, das kann der Reinhold nicht", meint er.
Ein paar Schritte die Straße hinunter muss man gegen eine Blasmusikkapelle anschreien, will darüber diskutieren, ob Parteivorsitz und Spitzenkandidatur in eine Hand gehörten. Das stört die Gäste der Tourismuskämmerer wenig. Gegen Mitternacht ist Spindelegger abgeschrieben. Ein "Riegler-Schicksal" halt: Wie seinem Vorgänger aus den 1980ern, Josef Riegler, fehle ihm die Brutalität, die Bürgerlichen zu zähmen.
Zwei von dreien, die um zwei Uhr noch trinken, setzen ihre Hoffnungen auf Fekter. Obwohl, bei der Diskussion über den Sozialstaat am Vortag sei sie sogar von Studenten belächelt worden. Andererseits, Mitterlehner, der auf demselben Podium saß, hätte nicht verhehlen können, wie sehr sie ihm auf die Nerven gehe, und ständig die Augen verdreht.
Ernüchterung am nächsten Morgen
Ernüchterung am nächsten Morgen um 9.30 Uhr. Spindelegger und Fekter betreten blass, aber gefasst gemeinsam das Kongresszentrum. Niemand werde hinausgeschmissen, sagt Spindelegger, das sei der ganz normale "Lagerkoller von Alpbach".
Der rote Kanzler Werner Faymann reist an. Er wird gleich mit EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso diskutieren und damit den Höhepunkt der heurigen Wirtschaftsgespräche bestreiten. Faymann lächelt und sagt: "Wenn Michael Spindelegger die Spekulationen zurückweist, dann vertraue ich ihm."
Zu Mittag reisen die ÖVP-Granden ab. Sie werden sich am Abend in der Parteiakademie in Wien treffen und stundenlang beraten. Danach wird Spindelegger erzählen, man habe ausschließlich über die Wehrpflicht debattiert.
Erhard Busek steht vor dem Kongresszentrum und wartet auf Barroso, mit dem er Faymann zum Mittagessen treffen soll. Er erinnert sich an seine Zeit als ÖVP-Bundesobmann und sagt: "Ich habe Phantomschmerzen."












