Jung, konservativ, riskant
Paul Ryan ist nicht nur Mitt Romneys Wunschkandidat für den US-Wahlkampf. Auch Barack Obama hoffte auf den erzkonservativen Shootingstar. Sein rechtes Tea-Party-Programm soll Obama in die Hände spielen: Weniger Staat, weniger Steuern, weniger Soziales. Von Sebastian Krause.

Foto © ReutersPaul Ryan
Der Ort, an dem der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney am Samstag seinen "Running Mate" vorstellte, verriet dessen Namen schon, bevor Romney selbst ein Wort sagte. Die "Wisconsin" im Hafen von Norfolk (Virginia) ist eine schwimmende Festung, ein metallenes Denkmal der US-Marine. Das Kriegsschiff aus dem zweiten Weltkrieg passte in die patriotische Inszenierung, mit der Romney seine Wahl unterstrich. Wisconsin ist aber auch der Bundesstaat, den Paul Ryan als Kongressabgeordneter in Washington vertritt.
Zitiert
"Er ist ein Mensch großer Zuverlässigkeit, dessen Integrität unbestritten ist."
- Mitt Romey über Paul Ryan.
Romneys Entscheidung für den jungen Republikaner Ryan ist eine, die Klarheit schaffen soll. Ryan ist ein Geschöpf Washingtons, einer, der die politischen Gräben der Hauptstadt kennt. In den letzten Wochen wurden die Rufe der Parteibasis nach Ryan als Kandidat für die Vizepräsidentschaft immer lauter, nun hat Romney sie erhört. Der 42-jährige Paul ist der Kopf hinter der strengen republikanischen Haushaltspolitik im US-Kongress. Sein Rezept ist einfach und zutiefst verwurzelt in der republikanischen Basis und der einflussreichen Tea Party: Weniger Staat, weniger Steuern, weniger Soziales - ein rechter Parade-Republikaner.
Rechtsruck
Mitt Romney will mit der Entscheidung für Ryan seinen Wahlkampf stärker auf die marode Wirtschaft ausrichten und zugleich die eigene Glaubwürdigkeit im rechten Lager stärker. Ein riskantes Spiel. Vielen Republikanern ist der Mormone Romney suspekt. Paul Ryan ist ein hemdsärmeliger Christ, fährt einen Pick-Up, zu seinen Hobbys zählen die Jagd und das Fischen. Die Basis jubelt Ryan zu, die Mobilisierung der eigenen Partei dürfte Romney mit der Nominierung geglückt sein.
Doch die umkämpften "Swing States" wie Florida und Ohio scheinen verloren. Ryans strikte Sparpläne geben Romneys bislang moderater Wirtschaftspolitik einen Stoß nach rechts. Sein Programm, hinter dem der Großteil der Republikaner im Kongress steht, sieht einen nahezu völligen Abbau des ohnehin kaum vorhandenen amerikanischen Sozialstaats vor – Lebensmittelhilfe für Arme und besonders umstritten: Sein Plan zur Kürzung der medizinischen Leistungen für Pensionisten. Gerade im "Pensionisten-Staat" Florida macht sich Romney damit keine Freunde.
Geheime Wünsche
Romney tat mit der Nominierung Ryans nicht nur seiner Partei einen Gefallen. Auch die Demokraten rund um Barack Obama hofften insgeheim auf seine Ernennung. Obama kann sich nun mehr denn je als "Mann des Mittelstandes" positionieren – mit den Republikanern als teuflische Gegenspieler, die Alte, Kranke und Familien zur Kasse bitten wollen, während Reiche mit neuen Steuerkürzungen rechnen dürfen. Einen "herzlosen Kahlschlagsanierer" nannten ihn Demokraten in einer ersten Stellungnahme.
Zitiert
"Als Kongressabgeordneter hat Ryan die rücksichtslose Wirtschaftspolitik von Ex-Präsident George W. Bush mitgetragen, die zu hohen Staatsschulden und einem Zusammenbruch der Konjunktur geführt hat."
- Barack Obama per Mitteilung seines Wahlkampf-Teams.
Sollte der Wahlkampf, wie von vielen Experten erwartet, in der Endphase richtig schmutzig werden, bietet Ryan den Demokraten einiges an Angriffsfläche. Der Wirtschaftsexperte Washingtons verbrachte nahezu sein gesamtes Berufsleben in der Politik – seine Erfahrungen in der Privatwirtschaft, die es nun zu retten gilt, sind rar gesät. Laut dem US-Magazin "Politico" kann Ryan nur Studentenjobs aufweisen: Als "Burgerbrater" bei McDonalds und als Fitnesscoach.
Umfragen sehen Obama bei der Wahl Anfang November knapp vorne. Romney setzt mit seiner Entscheidung für Ryan vor allem auf die zahlreichen Stimmen der eigenen Partei – Wechselwählern könnte das radikale Programm Ryans Angst machen. Doch die Tea-Party und die republikanische Basis dürften nun geschlossen hinter dem ungeliebten Kandidaten Romney stehen. Deren geheimen Wunsch sprach Romney auf der "Wisconsin" am Ende seiner Rede unabsichtlich aus, als er Paul Ryan den Medien vorstellte: "Willkommen Paul Ryan, der nächste Präsident der USA".
Features
Zum Thema
Steckbrief: Paul Ryan
Geburtstag: 29. Januar 1970
Geburtsort: Janesville (US-Bundesstaat Wisconsin)
Religion: Römisch-katholisch
Herkunft: Irische Vorfahren
Schule: Joseph Craig High School in Janesville (Wisconsin)
Studium: Abschluss in Wirtschaft und Politik der Miami University of Ohio
Partei: Republikaner
Politische Karriere: 1998 mit nur 28 Jahren für Wisconsin ins Repräsentantenhaus gewählt
Wichtigstes Amt: Vorsitzender des Haushaltsausschusses
Familienstand: verheiratet mit Janna Christine Little
Kinder: Tochter Elizabeth Anne, Söhne Charles Wilson und Samual Lowery.
Zitiert
"Dies ist ein entscheidender Moment in der Geschichte unserer Nation, und es ist absolut existenziell, dass wir den geeigneten Mann wählen, um Amerika zu Größe und Wohlstand zurückzuführen"
- Paul Ryan nach seiner Nominierung.
Hintergrund
Entscheidung
In den vergangenen Tagen hatte es in den USA immer wieder Spekulationen um die Personalie gegeben. Neben Paul Ryan wurden unter anderem gehandelt: der frühere Gouverneur von Minnesota, Tim Pawlenty, Senator Rob Portman aus Ohio und der Gouverneur von Virginia Bob McDonnell. Auch die Namen von Senator Marco Rubio aus Florida und dem Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, wurden als mögliche Kandidaten ins Spiel gebracht.















