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    Zuletzt aktualisiert: 09.05.2012 um 06:56 UhrKommentare

    "Kehre in meine Heimat zurück"

    Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng spricht im Exklusiv-Interview mit Kleine Zeitung Korrespondenten Bernhard Bartsch über seine Situation, seine Ausreisepläne in die USA und die Bedeutung von Menschenrechten in China.

    Chen Guangcheng  mit US-Diplomaten

    Foto © ReutersChen Guangcheng mit US-Diplomaten

    In der Leitung rauscht es, immer wieder bricht die Verbindung ab: Als die Kleine Zeitung den chinesischen Bürgerrechtler Chen Guangcheng telefonisch erreicht, befindet er sich an einem unbekannten Ort in Peking, nur seine Frau und seine beiden Kinder dürfen bei ihm sein. Nach tagelangen Verhandlungen hatten sich Washington und Peking am Ende der vergangenen Woche darauf verständigt, dass der 40-Jährige nicht als politischer Flüchtling, sondern als Student in die USA reisen soll. Eine Studienplatzzusage an der New York University liegt bereits vor. Der blinde Anwalt, der 2005 mit der Unterstützung von Opfern von Zwangsabtreibungen und -sterilisationen den Zorn der Behörden in seiner Heimatprovinz Shandong auf sich gezogen hatte, war Ende April aus dem Hausarrest geflohen und hatte in der amerikanischen Botschaft Zuflucht gesucht. Am vorigen Mittwoch hatte er die Botschaft wieder verlassen, nachdem die Regierung indirekt mit Rache an seiner Familie gedroht hatte.

    Herr Chen, wie geht es Ihnen?
    CHEN GUANGCHENG: Ich befinde mich noch in ärztlicher Behandlung. Mein Fuß ist im Gips, und ich kann mich schlecht fortbewegen, und ich habe noch einige andere gesundheitliche Probleme. Aber die Untersuchungen sind hoffentlich bald abgeschlossen.

    Ist Ihre Familie bei Ihnen?
    CHEN: Ja. Aber leider weiß ich nicht, wie es meinen Verwandten in Shandong geht. Ich mache mir große Sorgen um sie. Ich habe gehört, dass mein Neffe festgenommen wurde, aber genauere Informationen habe ich nicht. Die Regierung hat gesagt, dass sie die Verfolgung unserer Familie beenden wird und dass sie das Unrecht, das uns in Shandong angetan wurde, untersuchen will. Aber ich weiß nicht, ob sie damit schon angefangen haben.

    Stimmt es, dass weder Ihre Freunde noch Mitarbeiter der US-Botschaft Sie besuchen dürfen?
    CHEN: Ja.

    Wer verhindert das?
    CHEN: Das weiß ich nicht.

    Die Regierung hat versprochen, dass Sie zum Studium in die USA reisen dürfen. Glauben Sie, dass Peking seine Zusage halten wird?
    CHEN: Ich bin zuversichtlich, dass sich die Situation, so wie sie jetzt in der Öffentlichkeit steht, nicht mehr rückgängig machen lässt. Am Dienstag hat mich ein Beamter besucht und gesagt: "Mach dir keine Sorgen, die Zentralregierung hat bestimmt, dass es bei deiner Passausstellung keine Probleme geben soll. Alles ist in Arbeit."

    Glauben Sie, dass man Ihnen erlauben wird, in Ihre Heimat zurückzukehren?
    CHEN: Davon gehe ich aus. Das ist schließlich nichts anderes als die Sicherstellung meiner Menschenrechte. Unsere Verfassung garantiert jedem Chinesen Bürgerrechte und Freiheit.

    Zumindest auf dem Papier. Steht hinter der Zustimmung zu Ihrer Ausreise nicht das Kalkül, dass die Weltöffentlichkeit sich nicht mehr für Ihren Fall interessieren wird, wenn Sie nicht mehr in China sind?
    CHEN: Darüber weiß ich nichts.

    Würden Sie denn auch in Zukunft in China als Menschenrechtsaktivist arbeiten wollen?
    CHEN: Natürlich. Die Menschenrechte sind etwas Intuitives. So wie ein Mensch ausweicht, wenn jemand ihn zu schlagen versucht, so sehnt er sich nach der Einhaltung seiner Rechte. Ich bin mir sicher, dass auch die Regierung wissen will, welche Probleme es in China gibt. Um sie zu lösen, führt an der Einhaltung der Menschenrechte kein Weg vorbei.

    Trotzdem konnten Sie Ihre Rechte nur einfordern, indem Sie in die US-Botschaft geflohen sind. Würden Sie das wieder tun?
    CHEN: Ich denke schon.

    Welchen Einfluss hat Ihr Fall auf andere Aktivisten?
    CHEN: Darauf kann ich nicht antworten, denn im Moment bin ich schlecht informiert. Ich bekomme ja keine Nachrichten von außen und darf das Internet nicht benutzen.

    Dann bekommen Sie auch nicht mit, dass in den chinesischen Medien eine Diffamierungskampagne gegen Sie läuft?
    CHEN: Nein, ich kann diese Artikel nicht lesen. Grundsätzlich glaube ich schon, dass die Zentralregierung etwas Gutes bewirken will. Aber manche Menschen denken noch immer wie in der Kulturrevolution.

    In der "Global Times" behauptet ein Autor namens Sima Pingbang, dass er Sie vergangenen Dezember im Hausarrest besucht habe und Zeuge geworden sei, wie Sie Ihr ganzes Dorf erpresst haben sollen.
    CHEN: Was daran stimmt, ist, dass er am 19. Dezember 2011 bei mir war. Allerdings hat er sich damals nicht einmal vorgestellt, seinen Namen weiß ich nur, weil seine Begleiter ihn mit "Herr Sima" angesprochen haben. Er hat meine damalige Situation gesehen und meine Erzählungen gehört, aber er zeigte keinerlei Mitleid. Er hat sogar über meine Qualen gelacht und mir gesagt: "In China ergibt eins plus eins eben nicht immer zwei." Dieser Mensch hat kein Gewissen.

    Vergangene Woche haben Sie auch den USA vorgeworfen, Sie im Stich gelassen zu haben. Sehen Sie das immer noch so?
    CHEN: Das war ein Missverständnis. Ich war damals sehr verunsichert, weil die Botschaftsmitarbeiter, die mich ins Krankenhaus begleitet hatten, plötzlich nicht mehr an meiner Seite waren. Hinterher habe ich erfahren, dass man ihnen den Zutritt zu meinem Raum verweigert hat, aber dass sie trotzdem noch im Krankenhaus waren. Für die Hilfe der amerikanischen Botschaft und Regierung bin ich ungeheuer dankbar.


    Wissenswert

    Chen Guangcheng, geboren am 12. November 1971 in Dongshigu in der Provinz Shandong.
    Karriere: Chen hat sich autodidaktisch juristisches Fachwissen angeeignet und wurde für sein Engagement gegen die Ein-Kind-Politik Chinas bekannt. Er beriet Menschen, die sich gegen Zwangssterilisation und erzwungene Schwangerschaftsabbrüche wehren wollten.
    2006 führte ihn das "Time"-Magazin auf der Liste der 100 einflussreichsten Menschen.
    2007 wurde Chen mit dem Ramon-Magsaysay-Award ausgezeichnet. Der Preis gilt als asiatischer Friedensnobelpreis.
    Seit 2005 steht er unter Hausarrest und saß von 2006 bis 2010 in Haft. Seither steht er praktisch wieder unter Hausarrest.

    Foto

    Foto © AP

    Bild vergrößernChen Guangcheng mit Frau und Sohn Foto © AP

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