Internationale Pressestimmen zum Fernsehauftritt Sarkozys
"Neue Zürcher Zeitung": Wahlkampftaktische Initiative. Kommentatoren würdigen Mut des bedrängen Amtsinhabers.
Europäische Tageszeitungen beschäftigen sich am heutigen Montag mit dem Fernsehauftritt des um eine zweite Amtszeit kämpfenden französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy am gestrigen Sonntagabend.
"Neue Zürcher Zeitung":
"Der zeitweise recht angespannt wirkende Sarkozy präsentierte sich als Staatschef mit Mut für konkrete und unpopuläre, aber angesichts der Krise nötige Weichenstellungen. Mit dem inszeniert wirkenden Auftritt, der von sechs TV-Stationen übertragen worden ist, versuchte Sarkozy auch seiner Kampagne neuen Schwung zu verleihen. Ob ihm dies mit der Ankündigung einer Mehrwertsteuererhöhung gelungen ist, ist fraglich. In den vergangenen Wochen hat sein Herausforderer Francois Hollande, der in Umfragen klar vor ihm liegt, die Initiative an sich gerissen. Und selbst im eigenen Lager wachsen die Zweifel, ob der Staatschef in der Lage ist, seine Popularitätskrise zu bewältigen."
"Le Figaro" (Paris):
"Den Franzosen drei Monate vor einer Präsidentenwahl eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und eine verbesserte Flexibilität der Arbeitskosten aufzutischen ist eine Premiere in den Annalen der Republik. Man wird sehr schnell feststellen, ob Nicolas Sarkozy mit dieser Initiative zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs eine unbedachtes Risiko eingegangen ist oder ob ihm ein entscheidender Coup gelungen ist. In Erwartung des Urteils der Urnen wird man dem Staatschef kaum vorwerfen können, die Wirtschaftslage falsch eingeschätzt zu haben. Länder wie Deutschland, Dänemark oder Schweden konnten mit einer höheren Mehrwertsteuer die Arbeitskosten senken, wodurch die Arbeitslosigkeit verringert werden konnte, ohne dramatische Auswirkungen auf die Kaufkraft."
"Midi Libre" (Montpellier):
"Mutiger Präsident oder Kamikaze-Präsident? Nicolas Sarkozy hat gestern Abend keine halben Sachen gemacht. Er hat sich mächtig ins Zeug gelegt, um wieder ins Rennen um die Präsidentschaft zu kommen. (...) Sicher, der Präsident ist noch kein Kandidat. Aber er hat mehrere Ankündigungen gemacht, die erst nach der Wahl in Kraft treten. Oft hat er dabei die Schritte des früheren Bundeskanzlers (Gerhard) Schröder nachgezeichnet, dann die von Angela Merkel. Während sich die Wolken über seinem Kopf zusammenziehen, verfolgt der Staatschef weiter seine anfängliche Strategie. Zuerst die Tat, dann der Wahlkampf."
"La Croix" (Paris):
"Die Sozialisten werfen dem Präsidenten vor, nicht einmal 100 Tage vor der Wahl unpopuläre Maßnahmen wie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer anzukündigen. Doch nichts verbietet dem Staatschef, sein Amt bis zum Schluss auszuüben. Wenn dies den Franzosen nicht passt, können sie ihm das schnell zu verstehen geben. Angesichts des Vorsprungs von Francois Hollande in den Umfragen versucht der Präsident, sich als Staatsmann zu positionieren. Dabei zögert er nicht, umstrittene Entscheidungen zu treffen. Vielleicht will er auch im Fall einer Niederlage als derjenige in die Geschichte eingehen, der nichts unversucht gelassen hat, um Frankreich wieder aufzurichten."













