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Zuletzt aktualisiert: 19.05.2011 um 23:07 UhrKommentare

"Wir können nicht mehr sparen"

In Griechenland ist die kollektive Verzweiflung ausgebrochen. Weniger Geld, höhere Steuern, die Arbeitslosigkeit galoppiert - und jetzt stellt es sich heraus: Der drakonische Sparkurs reicht nicht.

Foto © AP

In Griechenland ist die kollektive Verzweiflung ausgebrochen. Weniger Geld, höhere Steuern, die Arbeitslosigkeit galoppiert - und jetzt stellt es sich heraus: Der drakonische Sparkurs reicht nicht. Statt zu schrumpfen, wächst der Schuldenberg weiter. Dazu kommen nun noch die Festnahme und der Rücktritt von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, der in Athen als "guter Freund" gilt. Die bange Frage lautet: Geht der IWF nun noch härter mit den Griechen um?

"IWF-Gate" als Nebensache

Die einfachen Menschen in Griechenland haben indes ganz andere Sorgen als "IWF-Gate". "Ich bekomme 420 Euro im Monat. Und manche sagen uns, wir sollen sparen und weniger Urlaub machen", sagt ein 70-jähriger Grieche. Die Miete seiner 55-Quadratmeter-Wohnung im heruntergekommenen Athener Stadtteil Kato Patissia zahlen seine zwei Kinder. "Wir können nicht mehr sparen. Von nichts kommt nichts". Seine Kinder müssen auch um ihre Arbeit zittern: Die Arbeitslosigkeit ist binnen zwölf Monaten von elf auf 15,9 Prozent gestiegen - Tendenz: steigend. Viele Griechen, die einen Zweit- oder Drittjob hatten, um über die Runden zu kommen, sind glücklich, wenn davon noch einer übrig ist. Vor allem am Bau ist die Arbeit zurückgegangen - um 70 Prozent.

Für Rentner und andere Niedrigverdiener ist Hilfe von Nachbarn inzwischen unverzichtbar. In vielen Fällen wird in den Wohnblöcken der Arbeiterviertel Essen auch für verarmte Nachbarn gekocht. "Wir können sie nicht jetzt im Stich lassen", sagt Christina Syrbopoulou.

In den vergangenen zwölf Monaten haben die Griechen nach Schätzungen des größten Gewerkschaftsverbandes GSEE im Durchschnitt 20 Prozent ihres Einkommens durch direkte oder indirekte Steuern verloren. Der Konsum ist eingebrochen. Entlang einer der bekanntesten Einkaufsmeilen, der Solonos Straße im Zentrum Athens, ist jedes dritte Geschäft geschlossen. "Die Stimmung hier entlang der Solonos Straße ist depressiv. Ich mache auch bald zu", sagt der Inhaber eines kleinen Schreibwarengeschäftes.

Regierung verunsichert

Auch die Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou wirkt verunsichert. Am Mittwochabend schloss der griechische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou die Entlassung von Staatsbediensteten nicht aus. Wenige Stunden früher hatte der griechische Innenminister, Giannis Ragousis, versichert, niemand werde vom Staat entlassen.

Die größte Oppositionspartei, die konservative Nea Dimokratia (ND) hebt immer wieder hervor, das Rezept des Stabilisierungs- und Reformprogrammes der EU und des IWF sei falsch gewesen: "Das sage nicht ich. Das zeigen die Ergebnisse", sagt Parteichef Antonis Samaras. Die griechische Wirtschaft werde abgewürgt. Das Rezept sei gefährlicher als die Krankheit selbst, meint Samaras.

Der IWF-Vertreter in Griechenland, Poul Thomsen, sieht inzwischen ein, dass weiteres Sparen gefährlich werden könnte: "Die Früchte aus den Bäumen hat die Regierung gepflückt. Da ist nichts mehr zu holen", sagte er im griechischen Fernsehen. Neben den leidenden Griechen gibt es allerdings auch die Reichen und die obere Mittelklasse. Viele von ihnen haben bereits ihr Geld im Ausland in Sicherheit gebracht.

69 Prozent der Griechen äußerten in einer am Mittwochabend im Fernsehen präsentierten Umfrage die Ansicht, das schmerzhafte Spar- und Reformprogramm sei eine Einbahnstraße für das Land. Gleichzeitig sahen aber 98 Prozent die Verantwortung für die Krise bei den griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte.

Politiker und Wirtschaftsexperten glauben, dass weitere Sparmaßnahmen auch die bisher "schweigende Mehrheit" der Griechen auf die Straße treiben wird. "Dann wird das Chaos der wirklich verzweifelten Menschen ausbrechen", sagt der Journalist Spyros Sourmelidis. Umfragen zufolge haben 72 Prozent der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten nicht an einer Protestkundgebung teilgenommen. Bisher protestierten nur Gewerkschaftsmitglieder vor allem staatlicher Unternehmen.

Als Hoffnungsschimmer gilt die bevorstehende Urlaubssaison: Der griechische Tourismus wies im April dieses Jahres ein Wachstum von 24 Prozent auf. Experten führen dies auf die unsichere Lage in den arabischen Staaten zurück, die viele Touristen in die Sicherheit eines europäischen Staates treibe. Vor allem auf den Inseln der Ägäis sind viele Hotels für Juli, August und bis Mitte September ausgebucht.


"Solidarität hat Grenzen"

Eurogruppe-Chef Jean-Claude Juncker fordert von Griechenland größere Sparanstrengungen. "Es kommt uns jetzt darauf an, dass die griechische Regierung absolut ernst macht mit dem Haushaltskonsolidierungsprogramm". Die Defizitziele müssten erreicht werden, was zusätzliche Sparmaßnahmen voraussetze. "Griechenland muss wissen, dass Solidarität dort an die Grenzen stößt, wo man den Eindruck haben könnte, dass es an der notwendigen Solidität auf der griechischen Seite mangelt", so Juncker. "Griechenland steht bei der Solidität jetzt unter Beweispflicht ."

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