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Zuletzt aktualisiert: 02.05.2011 um 20:16 UhrKommentare

Amerika feiert, aber der tiefe Schmerz bleibt

Ausgelassene Freude, aber auch tiefe Trauer in New York - die Reaktionen in der Stadt mit den meisten Opfern des Terrorpaten Osama bin Laden sind tief gespalten.

Foto © Reuters

Sie mag Anfang 40 sein, hat brünettes, halblanges Haar und braune Augen. Zielstrebig geht sie einem Ort entgegen, den in diesem Augenblick nur sie kennt. Es scheint ihr schwer zu fallen, denn trotz des schnellen Schrittes schafft sie es nicht, den Blick zu heben. Den Lärm, der von der Church Street Ecke Vesey herkommt, scheint sie nicht zu hören und die Hunderten Menschen nicht zu sehen, die ihn verursachen. In ihren Armen hält sie Blumen umklammert, weiße Rosen, drei Stück. Sie geht weiter hinunter Richtung Battery Park, bis sie die halbe Höhe der riesigen Baustelle erreicht hat, wo Löcher in den Plastikplanen des Zauns den Blick auf eine große Grube preisgeben. Dort, wo die Fundamente der neuen Wolkenkratzer stehen, macht sie halt. Nachdem sie die Rosen sorgfältig am Maschendraht befestigt hat, schaut sie zum Himmel auf. Dann senkt sie den Blick wieder und faltet die Hände. Minutenlang steht sie wie angewurzelt da.

Party am Ground Zero

Downtown Manhattan am 2. Mai 2011, kurz nach ein Uhr morgens. Es ist ein stiller Moment in einer der lautesten Städte der Welt. In der Nacht, als die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens die amerikanische Ostküste erreichte, war sie noch ein bisschen lauter als sonst. Nachdem Präsident Barack Obama die Tötung des meistgesuchten Terroristen der Welt bestätigt hatte, zogen Hunderte Menschen zu jenem Ort, der für immer mit seinem Namen verbunden sein wird.

Seit am 11. September 2001 in dem von dem saudi-arabischen Scheich geleiteten Trainingscamp in Afghanistan ausgebildete Terroristen zwei Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, ist die Welt eine andere.

Welche Genugtuung die späte Rache am Erzfeind vielen Bürgern der USA bescherte, ließ sich in dieser klaren New Yorker Frühlingsnacht höchstens erahnen. Sie schrien "Fuck you, Osama" und "bin Laden, good bye", sangen "God bless America" und "This land is your land", dazwischen immer wieder "The Star-Spangled Banner", die Nationalhymne. Und: "Yes, we can" oder "Yes, we did", den Wahlspruch des Präsidenten und seine moderne Abwandlung.

"Ich war elf, als die Türme einstürzten. Die Bilder von damals haben sich seitdem in mein Hirn eingebrannt. An diesem Tag hier zu sein, ist für mich deshalb einer der größten Momente meines Lebens", sagt Jim Berger. Der 21-jährige Jus-Student der New York University stammt aus Ohio. Er ist mit einem halben Dutzend Kommilitonen hergekommen, um den Tod des Terrorpaten zu feiern. In dieser Nacht hat er seinen schmächtigen Körper in eine amerikanische Flagge gehüllt. Als ein mutiger Mann eine Straßenlaterne erklimmt und von oben eine XXL-Version der Stars and Stripes enthüllt, gibt es für Berger und die Seinen kein Halten mehr: "USA! USA! USA!" Der Rest der Masse stimmt in den patriotischen Rausch mit ein.

Weiter unten hat sich die zierliche Frau indessen aus ihrer inneren Einkehr gelöst und macht sich zurück auf den Weg Richtung Norden. Als sie gefragt wird, wie es ihr geht, hält sie kurz inne. Sie schaut den Fragesteller an, antwortet aber nicht. Ihr Blick verrät jene Art von Traurigkeit, die schwer zu fassen und nicht zu deuten ist, wenn man ihre Ursache nicht kennt. Dann dreht sie sich um und marschiert wortlos dorthin zurück, wo sie hergekommen ist.

<em>KLAUS STIMEDER, NEW YORK</em>

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