Der Schmuck der Kaiserin im Pfandl
Vor genau 200 Jahren war Österreich bankrott. Die kleinen Leute litten, wie sie es heute tun, doch es traf auch die "besseren" Kreise.

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Erschreckend konkret wird der abstrakte Begriff des Staatsbankrotts, wenn es um die Menschen geht. Denn wenn der Staat pleite ist, müssen die Bürger die Konsequenzen tragen. Jetzt in Island, Irland oder Griechenland, vor zweihundert Jahren auch im damaligen Kaiserreich Österreich. Am 20. Februar 1811 - vor genau 200 Jahren - fixierte das sogenannte Februarpatent des Kaisers Franz den ersten Staatsbankrott der jüngeren Geschichte. In Wien, Prag Budapest und anderen Städten des Reiches bedeutete die allgemeine Pleite für viele Menschen Not und Tod durch Hunger, Entkräftung oder Krankheit. Selbst wohlhabende städtische Familien waren auf einen Lebensstandard reduziert, den sie selber armselig nannten.
Beethoven verarmte
Der Komponist Ludwig van Beethoven wurde vom reichen Mann vorübergehend zum verarmten Künstler. Sein Gehalt von 4000 Gulden im Jahr schrumpfte in nur zwei Jahren auf den tatsächlichen Wert von 900 Gulden zusammen, Beethoven musste wertvolle Manuskripte um einen Pappenstiel verkaufen.
Die Notmaßnahmen machten nicht einmal vor dem Kaiserhaus halt. Als Napoleon 1813 vom klammen Österreich Geld zur Finanzierung seines Feldzuges nach Russland forderte, wurde zur Sicherstellung einer Anleihe sogar der Schmuck Maria Ludovikas, der dritten Frau des Kaisers, verpfändet.
Durch das Februarpatent von 1811 hatten Papiergeld und Kupfermünzen über Nacht vier Fünftel ihres Wertes verloren. Das Kaiserreich halbierte einseitig die Zinsen, die es für seine Kredite vereinbart hatte. Das erste Papiergeld Österreichs, die 1762 unter Maria Theresia eingeführten "Bankozettel", war nach nicht einmal 50 Jahren am Ende. Denn die Regierung "verzichtete" zunehmend, für die kapitalmäßige Deckung des Papiergeldes zu sorgen. Wurden eingelöste Bankozettel unter Maria Theresia noch öffentlich verbrannt, um allen die Sicherheit des neuen Finanzmittels zu verdeutlichen, spielte Feuer beim Staatsbankrott von 1811 eine ganz andere Rolle. Um ihre Verachtung für den Staat auszudrücken, zündeten enttäuschte Männer in Wien ihre Zigarren mit kleinen Bündeln der faktisch wertlos gewordenen Bankozettel an. Das oft gebrauchte abschreckende Bild von Geldscheinen als Fidibus ist ein unrühmliches Erbe des österreichischen Staatsbankrotts von 1811.
Die Niederlagen gegen Napoleon hatten das Kaiserreich auch finanziell in die Knie gezwungen. Die Schwäche der Monarchie war den Märkten schon viel früher bewusst, weiß der Grazer Wirtschaftshistoriker Gerald Schöpfer. Mangels Deckung verloren die Bankozettel gegenüber der harten Münzwährung schon ab 1794 rapide an Wert. Wer keinen Silbergulden hatte, musste 1811 beim Fleischer oder Bäcker fast zwölf Papiergulden hinlegen, um das Gewünschte zu bekommen.
Große Not
Die Not der kleinen Leute, die von Johann Nestroy komödiantisch überhöht und später von Victor Hugo oder Charles Dickens ohne Schnörkel beschrieben wurde, war viele Jahre unbeschreiblich. Wer hatte, musste sein Silber zwangsweise gegen das Papiergeld umtauschen, das im Galopp an Wert verlor. Der Import von Kaffee und Weinen war verboten. Der niedere Klerus musste zwar erstmals Steuern zahlen, doch die eigentlichen Reichtümer der Kirche blieben tabu. Allein die Güter des böhmischen Erzbistums Prag hatten damals einen Wert, der zwei Prozent der Staatseinnahmen ausmachte.
Die Ursachen der Misere damals wie heute sind vergleichbar, sie folgen demselben Prinzip: zu hohe Ausgaben, zu geringe Einnahmen, gepaart mit einer allgemeinen Unfähigkeit zu Reformen. Die Monarchie kam bis zu ihrem Ende nie mehr aus den Währungsturbulenzen. Österreich war zwar eine Großmacht, aber in wirtschaftlicher Hinsicht rückständig. Höhere Staatseinnahmen waren kaum möglich, weil das Steuersystem unterentwickelt, unübersichtlich und ungerecht war. Klingt fast wie heute.













