Lendvai: "Lasse mich sicher nicht mundtot machen"
In einem Monat übernimmt Ungarn den EU-Vorsitz. Doch das Land kämpft mit Negativschlagzeilen. Jüngstes Beispiel: Drohungen gegen den Osteuropa-Experten Paul Lendvai.

Foto © APAIm Visier der rechten Presse
Kritik kann wehtun; wenn die rechtskonservative Regierung in Budapest kritisiert wird, scheint das derzeit besonders heftige Reaktionen auszulösen. Betroffen waren davon in letzter Zeit Schriftsteller wie Imre Kertész, Péter Nádas und Péter Esterházy, die von der rechten Presse in Ungarn heftig angegriffen wurden, aber auch der ungarnstämmige Wiener Publizist Paul Lendvai. Bei der Präsentation seines Ungarn-Buches "Mein verspieltes Land" in Zürich kam es zu heftigen Demonstrationen; wenig später musste eine Veranstaltung in Frankfurt wegen massiver Drohungen gegen Lendvai abgesagt werden. "In Zürich waren es Leute vom Weltbund der Ungarn, das ist eine extrem rechts stehende Organisation von Emigranten. In Frankfurt wollten wahrscheinlich die gleichen Leute etwas unternehmen. Es gab Drohungen vor allem in Internetforen und per Telefon, mit dem Argument, man müsse meiner ,anti-ungarischen Hetze' Einhalt gebieten. Schließlich hat die Heinrich-Böll-Stiftung die Veranstaltung abgesagt, weil sie meine Sicherheit nicht gewährleisten konnte." Lendvai widmet das letzte Kapitel seines Buches der aktuellen politischen Lage in Ungarn, in dem er autoritäre Züge der Politik der neuen Regierung benennt. Ebenso bringt er aber auch das Thema Korruption unter der früheren sozialistischen Regierung zur Sprache.
Bei den Wahlen im April hatte die rechtskonservative Fidesz-Partei unter Viktor Orban eine Zweidrittelmehrheit erlangt; zudem war die rechtsextreme Jobbik ins Parlament eingezogen. Seitdem kam es zu einer Reihe umstrittener Maßnahmen: In den Verfassungsgerichtshof wurden Fidesz-Leute gesetzt; über die Medien wacht eine neue Medienbehörde, die unter Fidesz-Kontrolle steht, der regierungskritische Generaldirektor der Budapester Oper musste gehen, den freien Theatern wurden die Förderungen gestrichen. Vor dem Hintergrund politischer Interventionen verließ schließlich auch Stardirigent Adam Fischer aus Protest die Ungarische Staatsoper.
Lendvai spricht von einer allgemeinen "Säuberung" in Ungarn und zudem von einer Rufmordkampagne gegen seine Person, die ihren Höhepunkt vor wenigen Tagen erreichte, als eine Fidesz-treue Wochenzeitung behauptete, Lendvai habe dem kommunistischen Regime freiwillig als Informant gedient. Lendvai bezeichnet die Vorwürfe als "absurd und unglaublich". Sein über drei Jahrzehnte dauernder Kampf gegen die Diktatur in seiner Heimat werde diffamiert. Der 81-jährige Journalist hatte unter den Stalinisten drei Jahre Berufsverbot erhalten; er flüchtete nach den Ereignissen von 1956 aus Ungarn und berichtete unter anderem für die Financial Times und den ORF über sein Heimatland.
Hinter den Aktionen gegen ihn vermutet Lendvai Leute, die dem Regime dienen wollten. "Ich sage nicht, dass es von X oder von Y befohlen wurde", meint er, "aber sicher nicht gebremst." Er lasse sich aber sicher nicht mundtot machen.












