Bischof Kräutler: Preis kam "im rechten Augenblick"
Vor knapp einem Monat gab die "Right Livelihood Award Foundation" bekannt, dass der in Österreich geborene Bischof der brasilianischen Diözese Xingu die Auszeichnung erhält. Er sieht darin eine Anerkennung seines Kampfes für die Menschenrechte.

Foto © APABischof Erwin Kräutler
"Ich sehe den Preis nicht nur als Anerkennung meines eigenen Engagements, sondern auch all der Menschen, die mit mir gehen - seit Jahren. Der Einsatz für die indigenen Völker, für die Menschenrechte und die Menschenwürde in Amazonien ist damit international anerkannt", sagte Bischof Erwin Kräutler am Mittwoch über den ihm zuerkannten Alternativen Nobelpreis. Die Auszeichnung, die in Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Staudammprojekt Belo Monte und den Bemühungen für die Rechte der indigenen Völker "gerade im rechten Augenblick kam", ist heute mehr wert, als sie es vor fünf Jahren gewesen wäre, ist Kräutler überzeugt.
Der heute 71-jährige Kräutler lebt seit 45 Jahren in Brasilien. Seit vier Jahren kann er aufgrund seines Einsatzes für die indigenen Völker und für das Amazonas-Gebiet nur noch mit Polizeischutz vor die Tür treten, erzählte er. Dennoch bereut er weder seine Entscheidung, als 26-Jähriger Österreich verlassen zu haben, noch genau diesen Weg gegangen zu sein.
"Volk steht hinter mir"
"Wenn ich überlege, was meine Aufgabe ist, meine Sendung ist, ist das der Einsatz für die Menschen, denen es weniger gut geht", sagte der Bischof. "Wegen einer verschwindend kleinen Mafia, die mir nach dem Leben trachtet, kann ich nicht den Leuten, Tausenden von Menschen den Rücken zudrehen. Ich bin absolut überzeugt, dass das Volk, mit dem ich seit 45 Jahren lebe und für das ich da bin, hinter mir steht. Es gibt eine verschwindend kleine Gruppe, die gegen mich ist, weil ich mich auf die Seite der Ausgebeuteten, der Armen, der Benachteiligten stelle."
Trotz seines Einsatzes für die Indios habe sich die Situation in Brasilien zumindest in Bezug auf Politik und Wirtschaft nicht gebessert, sondern eher verschlechtert, meinte Kräutler. "Die Angriffe, die sind nach wie vor sehr groß. Leider Gottes ist die indigene Causa oder die Problematik der indigenen Völker für die Politik in Brasilien kein Thema. Man kehrt das mehr oder weniger unter den Teppich oder man sagt, die indigenen Völker, die sind ein Hemmschuh für den Fortschritt."
Aber das sei nur eine Seite, die zweite Seite sei für ihn viel wichtiger: "Die Indianer haben viel mehr Selbstvertrauen, viel mehr Selbstbewusstsein. Vor 30, 40 Jahren haben die Indios vielleicht nie diesen Mut gehabt, diese Zivilcourage, zu sagen: 'Das ist unser Recht.' Und da die Verfassung seit 1988 auch die indigenen Rechte aufgenommen hat, haben die Indianer natürlich noch viel mehr Rückendeckung, als wenn es sich nur um allgemein gehaltene Menschenrechte handelt. Und da meine ich, dass die Indianer aufgestanden sind. Sie haben heute den Stolz, indigen zu sein", betonte Dom Erwin.
Naturreichtümer und Bodenschätze
Dennoch werden die indigenen Völker im Norden immer noch von Großgrundbesitzern bedroht, weil sie ein Gebiet mit Naturreichtümern und Bodenschätzen besitzen. Im Süden oder in Zentralbrasilien ist die Lage "beinahe noch ärger", so Kräutler. "Denn dort hat sich der Großgrundbesitz so ausgebreitet, dass sich die Plantagen am Horizont verlieren", schildert er die Situation. Die indigenen Völker lebten dort am Straßenrand, in einer "unheimlich miserablen Situation", die ein Überleben praktisch nicht möglich mache. Und genau das sei für ihn "der Ausgangspunkt, dass wir von der Regierung und von der ganzen Welt verlangen, dass hier Gerechtigkeit herrscht", so Kräutler.
Einen Kompromiss zwischen den Ansprüchen der indigenen Völker auf ihren Lebensraum und den Bestrebungen von Konzernen und Großgrundbesitzern gibt es für Kräutler nicht: "Ich würde nie von einem Kompromiss reden. Ich würde nur vom Respekt reden, den diese Menschen verdienen. Das ist ihre Heimat, das ist ihr angestammtes Land, da können sie überleben. Und damit retten wir auch einen Teil von Amazonien. Und das ist weltweit wichtig. Amazonien hat klimaregulierende Funktionen. Dadurch, dass wir die Indianer respektieren, kommt ein Teil des Regenwaldes nicht unter die Räder, wird nicht abgetragen. Wenn man dazu noch einige Naturparks oder Nationalparks schafft, dann ist ein weiterer Teil von Amazonien gerettet."
"Die Zusammenarbeit mit den Pfarren und Gemeinden funktioniert, weil in unserer pastoralen Erfahrung die Laien, Frauen und Männer, Verantwortung übernehmen müssen. Sonst gibt es keine Kirche mehr", erklärt Kräutler. "Das heißt ja nicht, dass wenn kein Priester da ist, am Sonntag kein Gottesdienst stattfindet. Es findet ein Wortgottesdienst statt, keine Eucharistiefeier, leider Gottes. Aber die Leute kommen zusammen und eine Frau oder ein Mann, mehrheitlich die Frauen, leitet diese Wortgottesdienste." Der Priester ist etwa drei- oder viermal im Jahr in der Gemeinde, manchmal auch nur zweimal, ergänzt Kräutler.
Laien integrieren
Für die Kirche in Europa bzw. in Österreich sei das kein Modell, das man kopieren sollte. Die Erfahrungen, die er in Brasilien gemacht habe, sollen aber zumindest Anstöße geben. "Ich bin absolut überzeugt davon, dass Laien - Frauen und Männer - viel mehr im kirchlichen Leben respektiert werden sollen. Dass sie auch Verantwortung und Aufgaben übernehmen können. Viele, viele Dinge müssen nicht vom Priester erledigt werden", so der Bischof. Den Priester durch Laien zu ersetzen, darum gehe es nicht, sagte Kräutler. Aber es werde soweit kommen, dass ein Umdenken notwendig ist, denn "es werden nie so viele (Priester, Anm.) nachkommen, wie wir brauchen würden".
Wer seine Nachfolge antreten wird, weiß Kräutler nicht. Er hat bereits vor Jahren angekündigt, seine Arbeit bis zu seinem 75. Geburtstag durchziehen zu wollen. Wie es danach für ihn weitergehen wird, weiß er nicht: "Das hängt ganz von der Gesundheit ab. Wenn mir der liebe Gott die Gesundheit schenkt, möchte ich den Weg weitergehen". Dass es zahlreiche Anwärter für seinen Job geben wird, denkt er nicht. Nach ihm wird die Diözese vermutlich auf drei oder vier Diözesen aufgeteilt werden. Zu groß werde seinem Nachfolger die Anstrengung sein, die der Bischof aufgrund seines Alters mittlerweile als "unendliche Belastung" bezeichnet.
Dennoch gibt Kräutler nicht auf. "Ich habe nie den inneren Frieden verloren", sagt er überzeugt. Nie hätte er gesagt, "so, jetzt werfe ich das Handtuch, oder wie man in Brasilien sagt, ich hänge die Fußballschuhe an den Nagel. Das ist meine Aufgabe. Und im Vertrauen auf den lieben Gott und die Gnade und die Kraft, die er mir schenkt, mach' ich den Weg weiter."
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Erwin Kräutler ist seit 1981 Bischof der Prälatur Xingu, der mit 350.000 Quadratkilometern und etwa 400.000 Einwohnern flächenmäßig größten Diözese Brasiliens. Insgesamt gibt es etwa 840 kleine Gemeinden und 15 Pfarren. Kräutler: "Jede Pfarre ist die Summe von 40, 100, 120 solcher Gemeinden. In der Diözese arbeiten nur 31 Priester und ein Bischof, dennoch gibt es keine Probleme, alles läuft."












