Milorad Dodik: "Vielleicht bekommen alle die Grippe"
Milorad Dodik, der Führer der Serben in Bosnien-Herzegowina, will seine "Republika Srpska" zu einem unabhängigen Staat machen - ohne Gewalt.

Foto © ReutersMilorad Dodik
Sie haben mehrfach eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit der Republik Srpska vom Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina angekündigt. Wann wird sie stattfinden?
MILORAD DODIK: Wir haben ein Gesetz über Volksabstimmungen, das den höchsten europäischen Standards entspricht, und ich schließe nicht aus, dass, wenn gewisse äußere Mindestanforderungen erfüllt sind, es zu einer Abstimmung über die Unabhängigkeit kommen wird. Besonders nach der Sache mit dem Kosovo ist das unser legitimes Recht. Aber wir sind keine Abenteurer.
Sie haben auch schon einmal eine Art sanfte Scheidung angedeutet - etwa dass alle Beamten und Mandatsträger aus der Republik Srpska sich aus allen Einrichtungen des Gesamtstaats zurückziehen. Ist das ein mögliches Szenario?
DODIK: Vielleicht bekommen sie ja alle eine Grippe und können drei Jahre lang nicht arbeiten. Wir werden sehen.
Wovor fürchten Sie sich eigentlich, wenn Sie so für den Status der Republik Srpska kämpfen? Vor der Majorisierung durch die Bosniaken? Oder vor dem Chaos im anderen, von Bosniaken und Kroaten dominierten Landesteil?
DODIK: Na, vor beidem. Die Bosniaken haben sich zum Opfer des Kriegs stilisiert und wollen sich nun revanchieren, indem sie die Serben durch die Geschichte hinweg als eine Art "völkermörderisches Volk" darstellen. Wir haben hier inzwischen eine Art "Srebrenisierung" des Krieges.
Also eine Deutung des Krieges allein nach dem Massaker von Srebrenica 1995. In Serbien kursiert zwar die Parole: Für die EU geben wir das Kosovo nicht her! Von der Republik Srpska ist in Belgrad dagegen nicht die Rede.
DODIK: Muss es auch nicht! Wir geben uns für die EU nicht her.
Kann denn Bosnien, kann Srpska als eine Art Insel existieren, umgeben von lauter EU-Mitgliedsstaaten? Wie die Schweiz?
DODIK: Sicher nicht wie die Schweiz, aber im Prinzip schon. Gewalt schließe ich aus. Deswegen stehe ich hinter der Präsenz internationaler Truppen im Land. Aber politisch schließe ich gar nichts aus. Wenn jemand meint, er müsse uns isolieren - bitte! Die Serben sind ein Teil Europas, eine traditionelle serbische Nation, sie waren in allen schwierigen Situationen Alliierte der Europäer. Heute haben die Europäer sich entschieden, auf dem Balkan zu den Muslimen zu halten. Gleichzeitig wollen sie aber die Türkei nicht in Europa haben. Soll doch Bosnien sich damit beschäftigen!
Droht denn Gewalt?
DODIK: Nein, wir sind keine Abenteurer und keine Gewalttäter. Als der Krieg begann, war ich dreißig Jahre alt, jung genug also, um energisch daran teilzunehmen. Aber ich war nicht der Meinung, dass Gewalt die Probleme löst. Ich war damals Leutnant der Reserve, als der Krieg begann, und das war ich auch noch, als er aufgehört hat. Da werden Sie nicht glauben, dass ich jetzt, mit 52, für den Krieg bin! Nichts gegen Bosnien-Herzegowina. Aber schauen Sie, hier leben drei Völker ohne einen einzigen gemeinsamen Feiertag. Warum soll dieses nicht so funktionieren wie Belgien?
Sie sagen, das Engagement des Hohen Repräsentanten hier habe auch einen geschäftlichen Hintergrund. Was meinen Sie damit?
DODIK: Noch jeder Hohe Repräsentant hat nach seinem Abgang eine Dominanz der Wirtschaft jenes Landes hinterlassen, aus dem er kam. Mit dem Österreicher Wolfgang Petritsch kamen die österreichischen Banken an. Der Deutsche Christian Schwarz-Schilling ist sogar persönlich in geschäftliche Beziehungen mit dem Muslim Ejup Ganic getreten, den die Serben für einen Kriegsverbrecher halten. Aber das gilt alles als ganz normal. Nur wir Serben sind immer die Diebe!
INTERVIEW: NORBERT MAPPES- NIEDIEK, BANJA LUKA












