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Zuletzt aktualisiert: 16.06.2010 um 20:42 UhrKommentare

"Das geht sich bald nicht mehr aus"

Die Schere klafft immer mehr auseinander. Die Österreicher werden immer älter - und gehen gleichzeitig immer früher in Pension.

In Österreich gibt es Immer mehr Pensionisten und immer weniger Arbeitende

Foto © APAIn Österreich gibt es Immer mehr Pensionisten und immer weniger Arbeitende

Krise hin oder her: Gemessen am internationalen Schnitt herrscht in Österreich nahezu Vollbeschäftigung. Im Frühjahr ist die Arbeitslosigkeit auf 4,7 Prozent gesunken - kaum mehr als die Hälfte des OECD-Schnitts. Sind wir eine Insel der Seligen?

Kaum. Denn die rosigen Arbeitsmarktzahlen sind teuer erkauft. Rund 750.000 Österreicherinnen und Österreicher im erwerbsfähigen Alter arbeiten nicht mehr, weil sie bereits ihren Ruhestand genießen. Dank Hacklerregelung und Altersteilzeitmodellen warten nur noch sieben von zehn Arbeitnehmer, bis sie das gesetzliche Pensionsalter erreicht haben. Männer gehen statistisch gesehen mit 59 Jahren in Pension, Frauen mit 58. In anderen EU-Ländern wäre das undenkbar.

Christine Mayerhuber, Pensionsexpertin beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo, bestätigt einen "gewissen Abtauscheffekt": Frühpensionierungen drücken die Arbeitslosenquote. Deutlich schärfer formuliert es Sozialwissenschafter Bernd Marin: "In Folge der Frühpensionitis ist der Arbeitsmarkt für Ältere bereits völlig zusammengebrochen."

Reform griff zu kurz

Doch woher stammt diese unselige österreichische Tradition? "Noch in den 1970er-Jahren, unter Bruno Kreisky, haben die Leute im Schnitt bis 67 gearbeitet", sagt Marin. Der Sündenfall sei rund zehn Jahre später geschehen, ergänzt Mayerhuber: "Während der Verstaatlichten-Krise hat die Politik Frühpensionierungen bewusst eingesetzt." Mit kleinen Ausreißern ist das Pensionsantrittsalter seither kontinuierlich gesunken. Auch die vor acht Jahren unter der schwarz-blauen Regierung durchgepeitschten Reformen brachten keine Trendumkehr. "Damals ist nur eine Weichenstellung erfolgt, mit der Verlängerung der Hacklerregelung hat man den Schritt aber nicht zu Ende gebracht", kritisiert Mayerhuber.

Rekord-Ausgaben

Die Folge ist ein Teufelskreis: Weil die Lebenserwartung stetig wächst, klafft die Schere zwischen Arbeitszeit und Ruhestand immer weiter auseinander. Im Klartext: Immer weniger Arbeitnehmer zahlen für immer mehr Pensionisten, deren Bezüge weit über dem OECD-Schnitt liegen.

Schon jetzt muss die öffentliche Hand einspringen, weil durch die Beiträge nur noch 70 Prozent der Pensionsleistungen abgedeckt sind. Der Bundeszuschuss allein für die ASVG-Pensionen hat sich in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Die Pensionen machen fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Wie lange können wir uns das noch leisten? Nicht mehr lange, warnt der OECD-Pensionsexperte Christopher Prinz. "Sollten wir das Pensionsantrittsalter nicht schnellstens um drei bis vier Jahre erhöhen, geht sich das in fünf Jahren nicht mehr aus."

WOLFGANG RÖSSLER

Immer kürzere Arbeitszeiten

Wer 1970 in Pension ging, blickte im Schnitt auf 43 Arbeitsjahre zurück. Seither ist die Zeit der Erwerbstätigkeit auf durchschnittlich 35 Jahre geschmolzen. Durch längere Ausbildungszeiten verschiebt sich der Eintritt ins Berufsleben nach hinten, der Pensionsantritt erfolgt sechs Jahre früher. Auf eine Lebensspanne gesehen, überwiegt damit längst die Zeit der Nicht-Arbeit.

Üppige Pensionsleistungen

30.600 Euro netto stehen einem durchschnittlichen österreichischen Pensionisten-Paar jährlich zur Verfügung. Das ist deutlich mehr als in anderen, ver-gleichbaren Ländern. Durch die hohe Lebenserwartung steigt auch das Lebenseinkommen: Männer beziehen durchschnittlich 380.000 Euro, Frauen 441.000. Zum Vergleich: In Deutschland sind es über 100.000 Euro weniger.

Teure Sonderpensionen

Während die ASVG-Pensionen und jene der gewerblichen Wirtschaft hauptsächlich über Beiträge finanziert werden, zahlt der Staat bei Beamten, Bauern und Eisenbahnern den Löwenanteil. Ein teures Spezifikum sind die üppigen Pensionen der Nationalbank, die nun angeglichen werden sollen. Auch die Pensionen für Altpolitiker reißen ein Loch in das Budget: Alleine heuer 123 Millionen Euro.

Staat gleicht Minus aus

Laut "Generationenvertrag" sollten die Pensionen aus den Beiträgen der Erwerbstätigen abgedeckt werden. Doch deren Zahl sinkt, während jene der Pensionisten steigt. Daher muss der Staat immer tiefer in die Tasche greifen, um das Pensions-Minus auszugleichen. Insgesamt haben sich diese Bundeszuschüsse seit dem Jahr 2000 von 4,9 Milliarden auf 9,1 Milliarden fast verdoppelt.

Schlusslicht bei Gleichbehandlung

Österreich hat sich verpflichtet, spätestens bis zum Jahr 2020 das gesetzliche Pensionsantrittsalter für Frauen an jenes der Männer anzugleichen. Bisher ist das aber nur bei den (Bundes-)Beamten geschehen. Laut Experten ließen sich dadurch bis zu 560 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Denn trotz niedrigerer Monatszahlungen bekommen Frauen durch die höhere Lebenserwartung insgesamt deutlich mehr Pensionsleistungen als Männer.

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