Deutschland dementiert NATO-Zahlen
Wegen des jüngsten Luftangriffes in Afghanistan steht das deutsche Heer in der Kritik. Die NATO spricht von vielen zivilen Opfern. Verteidigungsminister Jung widerspricht: "Es sind nur Taliban gestorben."

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Das deutsche Verteidigungsministerium in Berlin hat Berichte über bis zu 125 Tote bei dem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff in Afghanistan entschieden zurückgewiesen. "Die Zahlen sind absolut nicht nachvollziehbar", sagte Ministeriumssprecher Thomas Raabe am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Die Bundeswehr geht von 57 Toten aus - nach bisherigen Erkenntnissen wurden laut Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) "ausschließlich terroristische Taliban" getötet. Die "Washington Post" hatte unter Berufung auf ein NATO-Untersuchungsteam von deutlichen höheren Opferzahlen berichtet. Mindestens zwei Dutzend der Opfer seien nach Einschätzung des NATO-Teams keine Taliban gewesen. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums betonte, auch die Internationale Schutztruppe ISAF dementiere die Zahl von 125 Toten. Raabe sagte: "Wir haben weiterhin keine Erkenntnisse über getötete Zivilisten." Auch sei bei dem Angriff auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklastzüge am Freitag nicht gegen ISAF-Regeln verstoßen worden. Die Szenerie sei über eine längeren Zeitraum beobachtet worden, erst nach Auswertung "mehrerer Aufklärungsmittel" sei die Entscheidung gefallen, Luftunterstützung anzufordern. Jung ist nach dem Luftangriff scharf kritisiert worden. Grüne und Linke nannten am Wochenende die Tötung von Zivilisten unentschuldbar. Die Bundeswehr hatte laut Verteidigungsministerium die NATO-Luftunterstützung nach einem Taliban-Überfall auf zwei ihrer Tanklastzüge angefordert, um einem Selbstmordanschlag auf die deutschen Truppen in Kundus vorzubeugen. Der Bundeswehr zufolge wurden ausschließlich 57 Aufständische getötet. NATO-Kommandeur Stanley McChrystal erklärte, unter den Verletzten seien zivile Opfer gewesen. Jung erklärte, die deutschen Soldaten bekämpften ihre Gegner "hart, aber der Lage stets angemessen". Der "Bild am Sonntag" sagte der CDU-Politiker: "Durch sehr detaillierte Aufklärung über mehrere Stunden durch unsere Kräfte hatten wir klare Hinweise darauf, dass die Taliban beide Tanklastzüge circa sechs Kilometer von unserem Lager entfernt in ihre Gewalt gebracht haben, um einen Anschlag auf unsere Soldaten in Kundus zu verüben." Der Minister betonte: "In diesem Fall war der Schlag dringend geboten." Für Kritik ohne Kenntnis der Sachlage habe er überhaupt kein Verständnis. Zuvor hatte Linksfraktionschef Gregor Gysi erklärt: "Die Tötung von Zivilisten bei einem von der Bundeswehr angeforderten NATO-Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tankwagen ist durch nichts gerechtfertigt und unentschuldbar." Jedes zivile Opfer der Kriegführung der NATO in Afghanistan führe zu Hass, einem weiteren Erstarken der Taliban und erhöhe die Terrorismusgefahr. Gysi forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf, sofort für Aufklärung zu sorgen und die Ergebnisse dem Parlament vorzulegen. Der stellvertretende Fraktionschef der Grünen, Jürgen Trittin, kritisierte, mit der Anordnung der Bombardierung sei ausgerechnet von der Merkel-Regierung der eingeleitete Strategiewechsel der USA zum Schutz der Zivilbevölkerung konterkariert worden. "Kanzlerin Merkel muss ihren überforderten Verteidigungsminister an die Kette legen und selbst die politische Verantwortung übernehmen", verlangte Trittin. Auch Steinmeier forderte eine gründliche Aufklärung des NATO-Luftangriffs nahe Kundus, warnte aber vor voreiligen Schlüssen. Er sprach in "Bild am Sonntag" von einem gravierenden Vorfall. "Deshalb müssen wir gemeinsam mit unseren Verbündeten dafür sorgen, dass die Vorgänge von Donnerstagnacht schnellstmöglich und genauestens aufgeklärt werden." Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) plädierte dafür, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan in fünf Jahren zu beenden. Laut "Welt am Sonntag" sagte Schröder bei einer Rede im ostwestfälischen Lübbecke, im Jahr 2015 müsse das internationale Engagement enden. "Wir brauchen ein Datum", sagte Schröder. "Wir können da nicht auf ewige Zeit bleiben."












