Palin ist der Star, der McCain in den Schatten stellt
John McCains Auftritt am Parteitag der Republikaner war weder Obama-reif noch so umjubelt wie der von Vizekandidatin Sarah Palin. Während Palin auf Obama losgelassen wird gibt sich der republikanische Kandidat selbst stiller.

Foto © APExperten sprechen davon, dass es "ihr" und nicht McCains Parteitag war.
Der Druck auf John McCain war immens. Seine
eigene Nummer Zwei Sarah Palin hatte ihm praktisch schon die Schau
gestohlen - mit einer begeisternden Rede, die das Parteivolk in St.
Paul (Minnesota) von den Stühlen riss und sie zum Star machte. Und
von Anfang an, als der Spitzenkandidat der Republikaner am
Donnerstagabend (Ortszeit) im Xcel Energy Center von St. Paul
schließlich auf die Bühne trat, war er unvermeidlich -
der Vergleich mit Barack Obamas glanzvollem Auftritt vor genau einer
Woche in Denver. 80.000 jubelnde Menschen in einem Stadion als
Kulisse für Obama - da stand der 72-jährige Republikaner praktisch
von vornherein auf verlorenem Posten.
Vergleich der Inhalte. Klug genug wurden die Erwartungen denn auch heruntergespielt. Auf
die Frage, wie der Kandidat bei seinem Parteitagsfinale mit Obamas
brillanter Rhetorik und Inszenierung mithalten wolle, sagte McCains
Redenschreiber Mark Salter schlicht: "Wir versuchen es gar nicht. Was
wir wollen, ist ein Vergleich der Inhalte."
Wandel und Vaterlandsliebe. McCains Hauptbotschaften an diesem Abend werden schnell klar. Es
sind zwei: Als zäher Reformer präsentiert er sich, als ein Mann des
Wandels wie Obama - freilich mit anderen Zielen als der Demokrat. Den
unpopulären Präsidenten George W. Bush, als dessen Handlanger die
Demokraten McCain anprangern, erwähnt der Kandidat nur einmal, und
das ganz am Anfang. Das Signal ist unüberhörbar: McCain geht auf
Distanz. Und zugleich spielt der hochdekorierte Vietnamkriegsveteran
seine wohl größte Trumpfkarte aus, eine, die sein Rivale Obama nicht
besitzt: das Image eines unerschütterlichen Kämpfers für Amerika mit
einer Vaterlandsliebe, die er nicht beweisen muss. Die Spuren von
Folter während McCains Gefangenschaft in Vietnam sprechen einfach für
sich.
McCain bewundert Obama. Obama kommt insgesamt glimpflich davon - Palin hat die Arbeit am
Vortag erledigt, mit beißenden Attacken gegen den Demokraten, und bei
dieser Arbeitsteilung, so sagen Experten, wird es wohl bleiben.
McCain selbst verspricht, alles zu tun, um das lähmende
Parteiengerangel in Washington zu beenden, äußert jenseits aller
Differenzen Respekt und gar Bewunderung für den Rivalen bei der
Präsidentschaftswahl. "Wir haben Meinungsverschiedenheiten, aber wir
sind alle Amerikaner, und das bedeutet mehr für mich als alles
andere."
Das Richtige getan. Hat sich McCain gut geschlagen? Keine Frage, ein Obama-reifer
Auftritt war das nicht. Aber Experten sind sich in ersten Analysen
einig, dass McCain das Richtige tat. Monatelang hatte er jongliert,
versucht, die konservative Basis zufriedenzustellen, die ihn nicht
für konservativ genug hält, und zugleich attraktiv für moderate und
unabhängige Wähler zu sein. Das hat seine politischen Botschaft
verwässert, ihn zu Kompromissen und Kehrtwendungen etwa in der
Steuerpolitik gezwungen, die seiner Glaubwürdigkeit geschadet haben.
Aufbruchsstimmung durch Palin. Mit seiner Entscheidung für die Erzkonservative Sarah Palin gelang
ihm nun eine Art Befreiungsschlag: Die bisher kaum begeisterte Basis
verehrt sie, es herrscht nun nicht nur Ruhe an der Front, sondern
erstmals sogar so etwas wie eine Aufbruchstimmung. Damit kann sich
McCain nun darauf konzentrieren, sein Image als "Maverick"
aufzupolieren, als ein unabhängiger Denker mit Mut zu unorthodoxen
Entscheidungen und frischen Ansätzen. "Dass die Republikaner-Basis
nun jubelt, ist gut und schön, aber die Wahl kann er damit nicht
gewinnen", räumte in der Nacht ein republikanischer Wahlkampfstratege
im US-Fernsehen ein. "Er muss neue Wählerschichten gewinnen."
Alle reden über Palin. Und dann begann er wieder über Palin zu reden - wie viele andere
an diesem Abend schon kurz nach der Rede des Kandidaten. Es war
schlicht "ihr" Parteitag - mit TV-Einschaltquoten bei ihrer Rede, die
fast an Obamas Rekordzahl auf dem Parteitag in Denver heranreichten.












