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Zuletzt aktualisiert: 16.08.2012 um 06:00 UhrKommentare

Wenn der Strom zur Bürgersache wird

Sonnenstrom erzeugen, ohne selbst Paneele aufs Hausdach schrauben zu müssen: Bürgerkraftwerke machen das möglich. Neue Anlagen entstehen zurzeit überall im Land.

Foto © Martina Lorbach - fotolia

Den Anfang machte das südsteirische Mureck im Frühjahr 2011. Seither haben Gemeinden und Regionen bis hin zur Bundeshauptstadt nachgezogen. Und in Hinkunft sollen es ihnen zahlreiche weitere gleichtun. Die Rede ist vom Bau sogenannter Bürgerkraftwerke - großer Fotovoltaikanlagen, die von Gemeinden oder Vereinen als Gemeinschaftsprojekt mit Bürgern gebaut und betrieben werden.

Fast im Monatstakt werden im Land neue Projekte spruchreif, branchenintern spricht man gar von "einer neuen Gründerzeit". Die Idee ist simpel: Eine Gemeinde oder Firma baut ein Fotovoltaikkraftwerk, interessierte Bürger aus der Umgebung können sich an dem Vorhaben finanziell beteiligen. Den Teilhabern winken jährliche Erlöse aus dem verkauften (also ins Netz eingespeisten) Strom, am Ende gibt's das investierte Kapital zurück.

BEISPIELE

Graz: Günstigerer Strom für Beteiligung

Die Eröffnung steht kurz bevor: Auf dem Dach der Remise in der Steyrergasse steht das neue Sonnenstromkraftwerk der Energie Graz, ein zweites soll demnächst in der Puchstraße folgen. Stromkunden des Energieversorgers können halbe Module im Wert von je 325 Euro kaufen. Maximale Investitionssumme: 6500 Euro. Als Gegenleistung gibt's beim Naturstrom-Tarif der Energie-Graz-Tochter Solar Graz jedes Jahr einen Bonus gutgeschrieben. "Das entspricht einer Rendite von 3,3 Prozent", sagt Geschäftsführer Gert Heigl. Aussteigen ist jederzeit möglich, danach wird das Kapital rücküberwiesen. "Der Ertrag ist in Zeiten wie diesen ein sehr guter, das merken wir auch an der Nachfrage", sagt Heigl. Zusätzlich gefördert wird das Modell von Stadt und Land. Der Grazer Naturstrom-Tarif setzt sich bislang aus rund neun Prozent Solarstrom und 91 Prozent Wasserkraft zusammen.



Ennstal: Jede Gemeinde bekommt ihre eigene Sonnenstromanlage

Noch ist keine der Anlagen gebaut, doch geht es nach den Plänen der Energieagentur Nord, sollen im Ennstal nächstes Jahr die ersten großen Bürger-Fotovoltaikanlagen stehen. Ab 500 Euro Beitrag kann man mitmachen und sich als Bürger an der Sonnenstromerzeugung in der jeweils eigenen Gemeinde beteiligen. Um diese Summe erwirbt man ein Fotovoltaikmodul von etwa 1,5 Quadratmeter Größe.

Gebaut werden die Anlagen überall dort, wo genügend Interesse besteht, sagt Projektleiter Thomas Pötsch. Die Energieagentur Nord mietet dafür Flächen an und gründet für jede beteiligte Gemeinde eine eigene GmbH & Co. KG. "Auf diese Weise werden die Anlagen zu 100 Prozent im Eigentum der Bürger stehen", sagt Pötsch.

Ein- und aussteigen können die Bürger jederzeit, der Gewinn wird in Raten mit Anteilen des eingesetzten Kapitals zurückgezahlt. "Die Renditen liegen jenseits der fünf Prozent", sagt Pötsch. Eine 460-Kilowatt-Anlage für Altenmarkt sei bereits so gut wie ausfinanziert, auch in Ramsau sei das Interesse groß.



Semriach: Zinsen für stille Gesellschafter

Die Anlage läuft bereits, auch wenn sie erst in einem Monat offiziell eröffnet wird. Knapp 1,8 Millionen Euro hat die Firma Ecowatt in die Hand genommen, um auf 1,5 Hektar Hangfläche in Semriach ein Fotovoltaikkraftwerk mit 900 Kilowatt Leistung zu bauen. 400.000 Euro davon tragen Semriacher Bürger bei, die ab Herbst als stille Gesellschafter an der Anlage teilhaben. Ab 200 Euro ist man dabei - "der Topf ist wegen der großen Nachfrage aber schon vor zwei Monaten geschlossen worden", sagt Ecowatt-Geschäftsführer Otmar Frühwald. Zehn Jahre lang werden die beteiligten Bürger "mindestens drei Prozent" Rendite bekommen, dann gibt es das Kapital zurück. Die Anlage produziert im Jahr etwa so viel Strom, wie ihn 200 Haushalte verbrauchen.

Das Anlegerrisiko gilt aufgrund staatlich garantierter Einspeisetarife als gering, quasi als Bonus winkt die Gewissheit, mit dem Geld sauberen Sonnenstrom herzustellen, ohne dafür selbst Paneele aufs Hausdach schrauben zu müssen. Die Renditen sind nicht grenzenlos, doch in Zeiten magerer Bankzinsen interessant. "Jährlich drei Prozent hat man in der Regel fast sicher, in vielen Fällen ist es mehr", sagt Christoph Wolfsegger vom Klima- und Energiefonds.

Die Anlagenbetreiber, meist kleinere Unternehmen und Gemeinden, können mit der Finanzkraft der Bürger das nötige Eigenkapital für ihr Investment aufbringen. Inzwischen sind auf den Zug auch große Energieversorger aufgesprungen. Die Wien Energie hat im Mai in der Bundeshauptstadt ihr erstes Bürgerkraftwerk eröffnet. Der Ansturm war so groß, dass noch heuer drei weitere Anlagen gebaut werden.

Auch die Energie Graz lädt die Bürger ein, Anteilsscheine an ihren Großfotovoltaikanlagen zu kaufen - freilich verbunden mit einem eigenen Ökostrom-Tarif. Die Nachfrage laufe noch besser als erwartet, sagt Geschäftsführer Gert Heigl.

Verschiedene Modelle

Ähnliches sagt der Kindberger Bürgermeister Christian Sander. Die Stadt plant auf dem Herzogberg eine neue Fotovoltaikanlage mit einer Spitzenleistung von einem Megawatt. Die beteiligten Bürger der neun umliegenden Gemeinden bekommen ihre Erlöse über Vergünstigungen beim Strombezug.

Im Detail sind die einzelnen Modelle durchaus verschieden. Während man in Mureck einzelne Paneele des Kraftwerks kauft, erwirbt man in Semriach Teile der Betreibergesellschaft (siehe Beispiele rechts). Allen Modellen gemein ist die enorme Nachfrage der Bürger.


Kommentar

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Bild vergrößernSemriach: Auf 1,5 Hektar Fläche liefert das Kraftwerk so viel Strom, wie ihn rund 200 Haushalte im Jahr verbrauchen Foto © ECOWATT

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Bild vergrößernAuch in Ramsau soll ein eigenes Bürgerkraftwerk entstehen Foto © HUBER

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