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Zuletzt aktualisiert: 06.06.2012 um 20:38 UhrKommentare

"Gaskraftwerke kaum rentabel zu betreiben"

Verbund-Boss Wolfgang Anzengruber über die massiven Probleme bei der Energiewende, die hohen Gaspreise und das Mega-Kraftwerk in Mellach.

Foto © Kanizaj

Haben Sie den kürzlich erschienenen Krimi "Blackout" gelesen? Da kippen Hacker das Stromnetz.

WOLFGANG ANZENGRUBER: Eine gute Inszenierung des Themas, aber bitte keine Panik machen.

Auch ohne Krimi-Fantasie gilt Deutschland inzwischen als Hotspot für einen Blackout.

ANZENGRUBER: Süddeutschland.

Österreich wäre voll betroffen.

ANZENGRUBER: Ja, freilich. Ich glaube aber nicht, dass es einen Dominoeffekt über ganz Europa geben würde. Dafür sind die Systeme zu intelligent und würden wegschalten. Aber Blackouts ausschließen, wie man das vor Jahren noch vollmundig getan hat, das kann man nicht. Die Schwellenwerte bei den Netzsicherheiten werden immer häufiger unterschritten. Wir fahren schon öfter mit dünnem Netz.

Hat die Energiewende in Deutschland die Lage verschärft?

ANZENGRUBER: Was das Netz und damit die Versorgungssicherheit anbelangt, schon.

Was läuft denn dort schief?

ANZENGRUBER: Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn die erneuerbaren Energien ins Zentrum rücken. Aber man hat der Wirtschaft einen Schock versetzt, ohne sich damit zu befassen, mit welchen Investitionen und wie viel Marktregulierung man wo hin will. Bisher hat man das Thema auf die Art der Stromerzeugung reduziert und einfach massiv und relativ unkontrolliert Förderungen in das System gepumpt. Jetzt fehlt die Infrastruktur, um den Strom ins Netz zu bringen. Da gibt es starken Korrekturbedarf.

Was ist das größte Problem?

ANZENGRUBER: Die bisher durch Atomkraftwerke geregelte Grundlastversorgung wieder zu sichern und die neue volatile Erzeugung durch Sonne und Wind über leistungsfähige Leitungen zum Verbraucher zu bekommen. Das auszugleichen, ist das große Thema. Die Grundlastversorgung geht über Gaskraftwerke. Wegen der Preise ist Gas aber derzeit als Brückentechnologie nicht wirksam.

Weil der Strompreis zu niedrig ist, um Gas zu verstromen?

ANZENGRUBER: Es ist ein Konglomerat: Die langjährigen Gasverträge sind ölpreisgebunden und daher hoch, obwohl es heute eine Gasschwemme gibt, der Strompreis bleibt aber konstant. Dazu kommt, dass der CO²-Zertifikate-Handel, der Gas im Vergleich zu Kohle unterstützt hat, nicht mehr funktioniert. Durch die Erneuerbaren ist plötzlich etwas am Markt, das wegen der Förderung allen anderen Technologien die Preisanreize raubt und bewirkt, dass keine Investitionen mehr passieren. In dieser schwierigen Situation stecken wir. Es ist derzeit kaum möglich, Gaskraftwerke rentabel zu betreiben.

Sie verhandeln seit Monaten mit der EconGas über bessere Preise für das neue Kraftwerk Mellach. Wie ist der Stand?

ANZENGRUBER: Wir pochen auf Einhaltung des Vertrags. Es wird eine Verbesserung geben, die Frage ist, ob sie ausreicht. Mittelfristig sollte Mellach wirtschaftlich sein.

Wie werden sich die Strompreise mittelfristig entwickeln?

ANZENGRUBER: Wir als Verbund werden den Preis für unsere Privatkunden bis 2014 nicht erhöhen. Die Preise an den Großhandelsbörsen sind relativ konstant. Alles, was Netzgebühren, Steuern oder Abgaben angeht, entzieht sich unserer Gestaltung.

Von welchen Investitionssummen ist denn im Zusammenhang mit neuen Stromnetzen die Rede?

ANZENGRUBER: Da gibt es die Faszination der großen Zahlen. Energiekommissar Oettinger nennt 1000 Milliarden Euro für neue Strom- und Gasnetze in Europa. Deutschland spricht über ein paar Hundert Milliarden, wir in Österreich haben einen Netzentwicklungsplan über 2,5 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren. Aber es sind weniger diese Summen das Problem als die lange Zeit, bis Projekte umgesetzt werden.

Was wäre Ihre Vision für eine europäische Energiepolitik?

ANZENGRUBER: Wir brauchen klare Rahmenbedingungen, etwa einen langfristigen Fahrplan, um den Anteil der erneuerbaren Energien jährlich um einen bestimmten Prozentsatz zu steigern. Man müsste den Rückweg von den Förderungen zum freien Wettbewerb schaffen und die Förderungen besser in die Bereiche Forschung und Entwicklung drehen. Die Energiewendeländer Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien sollten enger zusammenarbeiten, weil größere Marktgebiete besser sind als kleine. Das betrifft Bedarfsdeckung, Netzsicherheit und Preise.

Wenn wir ganz weit über die Grenzen blicken: Wie realistisch ist der Aufbau einer Solarindustrie in Griechenland?

ANZENGRUBER: Ein Energie-Marshall-Plan wäre sinnvoll.

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