Der Schmuck des Mannes
Einst Inbegriff der Männlichkeit, heute Accessoire des modebewussten Mannes: der Bart, eine durchaus haarige Sache.

Foto © alex.pin - Fotolia
Der Bart, das arme Ding, werde von allen Seiten attackiert. Sei es die Frau, die den bärtigen Partner drängt: "Rasier dich doch endlich." Sei es der Chef in der Firma, das Bundesheer - der Bart stehe auf der Abschussliste. Diesen "Bart-Rassismus" attestiert zumindest die australische Band "The Beards" und ist daher - natürlich vollbärtig - angetreten, um dem Bart und vor allem dem bärtigen Mann eine Lobby zu geben. Doch gerade heuer bräuchte es die wuscheligen Herren aus Australien gar nicht - ist der Bart doch einer der Trends für den Herbst 2012.
Was heute hip ist, war früher ein Ausdruck von Macht, Stolz und Stärke. Die alten Ägypter kultivierten ihre Herrscherbärte: Der sogenannte Zeremonialbart, so beschreibt es Christina Wietig in ihrer Dissertation "Zur Kulturgeschichte des Bartes", war einer Krone vergleichbar. In die persischen Königsbärte wurden Goldfäden eingeflochten, ein göttlich-herrschaftlicher Kontrast zu dem im idealen Fall schwarzen Barthaar. Wenn "The Beards" heute davon singen, dass man wohl zwei Mütter habe, wenn der Papa bartlos ist, messen sie der Bärtigkeit einen ähnlichen Stellenwert im Mannsein bei wie die alten Griechen. Ihnen galt der Bart als haargewordene Männlichkeit, die körperliche und intellektuelle Potenz signalisierte. In der Polis wurden Schwüre "bei meinem Bart" abgegeben, bis Alexander der Große kam und seine Soldaten rasieren ließ. Aus strategischen Gründen, denn nur Kurzhaarschnitt und rasierte Wangen störten nicht im Kampf.
In der Renaissance wurde die Barttracht dann allmählich, was sie heute ist: ein Mittel der Selbstdarstellung. Da wurde gelockt, parfümiert, gepudert und gefärbt, um dem Gesichtshaar so viel Individualität wie möglich zu verleihen. Die Bartpflege beschäftigte Mann sogar bis ins Nachtlager: Um dem Kaiser-Wilhelm-Bart nämlich die charakteristischen nach oben gezwirbelten Enden zu verleihen, ging Mann mit einer Bartbinde ins Bett. Vom Hoffriseur des Kaisers Wilhelm II. wurde dazu passend gar die patriotische Barttinktur "Es ist erreicht" angeboten. So funktionierte Trendsetting zu Kaiserzeiten - mit ihrer Barttracht bewiesen die Untertanen nämlich nicht nur Modebewusstsein, sondern vor allem Kaisertreue.
Über eine unrühmliche Zwischenstation als ideologisches Symbol zu Nazizeiten entwickelte sich der Bart zu dem, was er laut Wolfgang Eder, Bundesinnungsmeister der Friseure, heute ist: das Accessoire der Männer. "Der Bart ist die Möglichkeit des Mannes, sich zu schmücken", sagt Eder. Und ortet vor allem zwei Tendenzen beim haarigen Gesichtsschmuck: Entweder behält Mann einen Dreitagebart oder er setzt auf einen wohlgeformten, getrimmten Bart.
Für die Bartprediger "The Beards" ist das nichts: "Ich will keine Haut durchsehen", ist ihre einzige Forderung gegenüber Bärtigen. "Wenn Männer Bart tragen, dann pflegen sie ihn auch", sieht Eder die Männerwelt aber eher stylingbewusst. Und "so wie sich Frauen vor Jahren den Victoria-Beckham-Bob auf den Kopf schneidern ließen, eifern auch Männer Vorbildern nach", sagt er.
Und dabei ist Herr Beckham mit kontinuierlich wechselnder Bartlänge wohl ein Kaiser Wilhelm der heutigen Zeit.


















