Der Logo-Taschen-Index
Auch die Luxusgüter-Branche hat von der Krise Kratzer abbekommen. Spezial-Editionen von Luxus-Taschen und so genannte It-Bags sind scheinbar krisenresistent. In den Pariser Shopping-Meilen werden sie als Wertanlage betrachtet.

Foto © AP
Auf dem Kassendisplay erscheint die Summe von 5325 Euro. Ohne
mit der Wimper zu zucken, zückt
die elegante Pariserin ihre Kreditkarte.
Dafür werden ihr von der Concierge
drei dunkelbraune Tragtaschen mit
den begehrten Initialien LV ausgehändigt.
Sie zieht mit ihrer Beute hochzufrieden
ab.
Umsatz. Fast zwölf Milliarden Euro
Umsatz machte der weltgrößte
Anbieter von Luxusgütern LVMH Moet-Hennessy
Louis Vuitton SA. Die
Bilanz stammt vom
Oktober 2008. Da
war die Welt für
den Pariser Konzern, der die hübschen Marken Louis Vuitton, Dior, Gucci,
Guerlain,
Givenchy,
Tag Heuer,
Hublot,
De Beers
und Moet
Chandon,
Hennessy
unter
einem Dach
vereint, noch schwer in Ordnung. Es schien, als würden die
Luxusstücke von keiner noch so
hässlichen Krise Kratzer abbekommen.
Zum Jahresende gab es der Milliarden-Konzern schon billiger.
Verluste. "Binnen einem Jahr haben auch
sehr solide Gruppen wie Richemont
(Cartier, Montblanc) oder die LVHM
Gruppe 40 Prozent ihres Börsenwertes
verloren", klagt ein Analyst einer
Pariser Bank. "Das hat es noch nie gegeben."
Weihnachtsgeschäft. Auch das Weihnachtsgeschäft
hat die Branche nicht wirklich herausgerissen.
Normalerweise tourten die
Frauen russischer Oligarchen durch
die europäischen Hauptstädte, um sich
sündteure Kleinigkeiten schenken zu
lassen. Dieses Jahr haben sie durch Abwesenheit
geglänzt. Auch Japaner, die
wie Termiten über alles herfallen, was
ein Logo vor sich herträgt, verfielen in
Selbst-Kasteiung. In Japan fielen die
Umsätze der Gucci-Mutter um sieben
Prozent, sodass die Franzosen sogar
ihren Plan begraben haben, die größte
Taschen-Boutique der Welt in Tokio
zu eröffnen.
Neue Zeiten. So als würde es die negativen Meldungen
untermauern wollen, trennte
sich das Modehaus Chanel kürzlich
von 200 seiner Mitarbeiter. Im siebenstöckigen
Louis Vuitton-Store an der
Champs Élysées trotzt man mit neonbunten
Grafitti der Krise und streut
den Kunden Rosen. Insider wissen, dass
die neue Kollektion eine Hommage von
Kreativdirektor Marc Jacobs an den
verstorbenen Künstler Stephen Sprouse
ist. "Speedy"- und "Never Full"-
Taschen mit den Sprouse-Rosen gehen
weg wie die warmen Semmeln. "Louis Vuitton hat am Höhepunkt der Krise
eine völlig neue Linie lanciert. Wegen
des auffallenden Designs und der
limitierten Teile finden die Sprouse-
Bags reißenden Absatz", ist Elisabeth
Himmer Hirnigl, österreichische
Kommunikations-Lady von LVMH
überzeugt, dass kreative und anspruchsvolle
Produkte zu allen Zeiten
Abnehmer finden werden. "Die Kundin
will nur selektiv entscheiden,wofür sie ihr
Geld ausgibt."
Verkauf. Im Pariser Taschen-Palast kann
man sich über Frequenz nicht beklagen.
"Die Kunden greifen entweder zu
ganz teuren oder zu preisgünstigeren
Modellen,
gekauft wird aber nicht
weniger", gibt Verkäuferin
Jeanne gerne
Auskunft. Günstig
heißt für eine Speedy
430 Euro, für einen
Schlüsselanhänger
105 Euro. Für die
Monogram Etoile muss
man schon 2420 Euro lockermachen.
Zeitlos ist gefragt. Abteilungsleiterin Genevieve glaubt
zu wissen, dass viele Damen die limitierten
Luxusstücke als Wertanlage in
der Krise betrachten. "Bevor sie mehrere
billige Taschen kaufen, nehmen
sie lieber eine, die nie aus der Mode
kommt und die sie das ganze Jahr tragen
können."
Ruhig. In der noblen Pariser
Shopping-Meile, der Rue Faubourg
St. Honore, ist es ruhiger als sonst.
Über den cremefarbenen Teppichboden
bei Chanel stöckeln
nur wenige Kunden. Die
Limited Editions der
Chanel Parfums kosten
hier immerhin
400 Euro, die
begehrten Taschen
mit der
typischen Gliederkette bekommt man
nicht unter 2000 Euro. Geht man ein
paar Adressen weiter zur Nobelmanufaktur
Hermes und verlangt nach einer
Kelly- oder Birkin-Bag, vorzugweise
aus Kroko, kann man schon 20.000
Euro hinblättern. Wartelisten der begehrten
Tasche zeigen, dass es immer
noch genug Nachfrage dafür gibt.
Hochkonjunktur haben derzeit
die zahlreichen Designer-Second-
Hand-Shops in Paris. Dort findet
man alles, von Chanel-Jacken und
-Schuhen bis zu Hermès-Tüchern.
Bleibende Werte. Auch Kellys und Birkins – zwar ohne
Warteliste und schon etwas patiniert -
aber immer noch um 3500 Euro.
Die Besitzerin eines Second-Hand-
Ladens in der Innenstadt, Madame
Geraud, hat trotz saftiger Preise keine
Absatzprobleme. Nur jene, die die
guten Stücke nach kurzer Tragezeit
bei ihr abgeben, werden rar. "Die
Damen tragen jetzt ihre Designerstücke
länger und öfter als früher."
So viel zur Krise.

















