Grand Prix Eurovision de l'horreur
"L'horreur n'est jamais loin", sagt der Franzose - das bedeutet so viel wie "Das Grauen schaut immer ums Eck": Eine Aussage, die man angesichts des akustischen Horrorkabinetts namens Song Contest für einige Beiträge vollinhaltlich unterstreichen möchte. Wir blickten zurück auf Beiträge, die niemand mehr hören sollte: Eine kleine erschreckende Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Foto © Alain Morvan / Eyedea / picturedThomas Forstner, unsere Hoffnung für Lausanne 1989
Seit 1956 wird der Eurovision Song Contest als internationaler Musikwettbewerb von Komponisten und Songschreibern veranstaltet. Ein paar Glanzstunden mag es dort in den letzten Jahrzehnten gegeben haben, wir pickten uns aber zehn der wesentlich häufigeren, umrühmlichen Beiträge heraus. Sie finden die Videos zu den Auftritten in der Randspalte.
Unsere Auswahl:
Zurück in Song-Contest-Urzeiten: Odd Børre wagte es 1968 für Norwegen und hatte "Stress": Der Titel seines Stücks mag bezeichnend sein - das Lied hat einen Refrain, der in den Annalen der Veranstaltung gute Chancen auf einen der dümmsten, nervigsten und lähmendsten überhaupt hat. Da hilft auch der Nostalgiebonus nicht viel. 1968 mag alles noch in Schwarz-Weiß und "etwas simpler" gewesen sein, Entschuldigung für alles ist das jedoch nicht. Dagegen war "Merci Cherie", mit dem Udo Jürgens zwei Jahre zuvor das erste und einzige Mal für Österreich gewinnen konnte, wahrer Seelenbalsam. Børre ist übrigens drei (!) weitere Male angetreten, danach verschwand er. Er wird wissen, warum.
Jahn Teigen trat 1978 für Norwegen mit "Mil etter mil" an und trug prompt die Rote Laterne mit nach Hause: Der Titel bedeutet entgegen anderslautenden Behauptungen nicht "Müll, aus dem Müll" - und bis zum Refrain ist eigentlich alles ganz in Ordnung. Dann zeigt der Song Contest aber das Gesicht, das man nicht sehen will. Der Sänger kämpft, schreit, will abheben und fällt trotz orchestraler Unterstützung zu Boden wie eine faule Zwetschge, die keiner gepflückt hat. Immerhin aber: Teigen war der erste Künstler, der nach der Neuregelung der Punktevergabe 1975 für seinen Beitrag null Punkte erhielt. Damit ist ihm ein Platz in der Chronik der Veranstaltung sicher. Das ist doch etwas.
1982 war es, als eine gewisse Nicole Seibert (vormals Hohloch) unter dem pfiffigen Künstlernamen Nicole mit zarten 17 Jahren den Prototyp aller Song-Contest-Schnulzen einspielte: Komponiert von Ralph Siegel, der gefühlte 60 deutsche Beiträge verbrochen hat, blieb das "Ein bisschen Friedchen" vor allem durch die fabelhaft dauergewellte Frisur, die quietschende Stimme und den "Gratis-Pazifisten-Workshop-im-Jungschar-Feriencamp"-Text im Gedächtnis. Das hören anno 2011 nur noch die ganz Unentwegten - und die Botschaft, auf die pfeift diese Welt auch 30 Jahre danach noch. Übrigens: Niemand auf diesem Planeten sollte weiße Akustikgitarren spielen. Niemand. Für die Akten: Nicole hat mit sagenhaften 161 Punkten gewonnen. Trotzdem.
Nein, es war nicht die beste Stunde von Wilfried (Scheutz): "Mona Lisa" wurde 1988 dem Zuhörer vorgesetzt - und noch heute mag sich so mancher fragen, warum gerade dieser Beitrag ausgewählt wurde. Nur jeder dritte Ton saß, das zweieinhalb Nummern zu groß bestellte Sakko mit lachsfarbenem Stecktuch saß so gar nicht - und der Zuhörer vor dem Bildschirm musste sich hinsetzen. Die Stimme klang nach einem mittelschweren Rachen-Katarrh und vier durchzechten Nächten in Folge. Man wollte den guten Wilfried an der Hand nehmen und sagen: "Komm, lass es gut sein, der Flieger nach Hause geht schon in einer Stunde". Der Sinn des Textes konnte auch 23 Jahre später noch nicht dechiffriert werden. Taumelnd, null Punkte, letzter Platz. Und das nicht zu Unrecht.
Österreich setzte aber noch einen drauf, zumindest, was das Outfit anbelangt (überhaupt sollte man den Kostümen am Song Contest besonderes Augenmerk schenken, man könnte Fachbereichsarbeiten darüber schreiben): Kurz-Sakkos, wie man sie Ende der 1980er-Jahre zu Maturabällen des älteren Bruders oder zum Tanzkurs angezogen hat, in geschmeidigem Flieder gehalten, umrahmt von einem hoch geschlossenen Pastoren-Hemd und einem atemberaubend geföhnten "Vokuhila". Thomas Forstner bot 1989 all das und mehr, und wurde damit immerhin Fünfter - für Österreich quasi schon ein Weltmeistertitel. Er hielt allerdings sein Versprechen von "nur einem Lied" nicht - 1991 ließ er dann die Zuhörer in "Venedig im Regen" stehen (null Punkte, letzter Platz).
2000 stellten Ping Pong aus Israel mit "Sameyach" die Geduld und das Wahrnehmungsvermögen des Zuhörers erneut auf eine schwere Probe: Die Musik kam - wie so oft mittlerweile - komplett aus einem Computer und klang als hätte der Komponist dafür eine halbe Mittagspause verwendet. Die Choreographie der nach All-Inclusive-Ferienanlage aussehenden "Band" wirkte unausgegoren und soeben einstudiert. Die Sängerin hatte es mit dem Singen nicht so, und dass man vom Text nichts verstand, mag kein Nachteil sein. Wie so viele Beiträge der letzten 15-20 Jahre klingt der Song insgesamt nach Kiddy Contest im ganz großen Rahmen. Akustisches Ping Pong.
t.A.T.u. (Jelena Katina und Julija Wolkowa) traten 2003 für Russland an und legten mit "Ne wer, ne boysja, ne prossi" Übles vor. Die beiden Damen, die beharrlich mit Lesben-Bildern kokettierten, lieferten einen ganz entscheidenden Beweis: Man muss überhaupt nicht singen können - und schafft es doch auf den dritten Platz. Doch Obacht: Schreien kaschiert nicht das Verfehlen von Tönen, das haben mittlerweile sogar Karaoke-Sänger, die auch zur Sperrstunde nicht von der Bühne wollen, verstanden. Das Duo machte zwar bis 2010 weiter, verschwand allerdings bald in der medialen Versenkung. Dem Vernehmen hat auch niemand jemals wieder nach ihm gesucht. Der Titel des Beitrages von 2003 bedeutet zu Deutsch übrigens "Glaube nicht, fürchte nicht, bitte nicht". Bitte nicht!
Es gibt Songs, die sind so schlecht, dass sie schon wieder gut sind. Und dann gibt es Songs, die so schlecht sind, dass sie auch genauso schlecht bleiben. Ein sehr gutes Beispiel für die zweite Kategorie war "Aven Romale" von Gipsy.cz, dem tschechischen Beitrag von 2009. Ein Sänger, der im knallorangen Superman-Outfit direkt einer Nervenheilanstalt entsprungen scheint, wirr und scheinbar orientierungslos über die Bühne hüpft. Dazu gibt es Rap (die tschechische Variante davon) und eine "Band", der die ganze Aufführung selbst nicht geheuer scheint. Ein Song, der dermaßen dumm ist, dass von mehrmaligem Hören dringend abgeraten wird. Was aus Gipsy.cz danach wurde und ob es musikalische Weiterentwicklung gab, man weiß es nicht. Null Punkte, letzter Platz.
Die Holländer sind ein lustiges Völkchen, sie trinken gerne das eine oder andere gute Bier und spielen famosen Fußball - das sind doch sympathische Züge! 2010 kam es dann ganz anders: Eine gewisse Sieneke ließ die Welt wissen: "Ik Ben Verliefd (Sha La Lie)" - Sie können den Titel auch ohne Holländisch-Kenntnisse übersetzen. Die Musik dazu erinnert an die Schlagerparade 1971 und bemüht sich erst gar nicht, den Hauch eines klar gefassten Gedankens zu vermitteln. Musik mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, Ware nicht mehr in Ordnung. Das Kinderlied auf Autopilot war trotzdem noch für Platz 14 und 29 Punkte gut und hatte mit Pierre Kartner tatsächlich einen Komponisten, der dem Vorschulalter schon entwachsen war. Da hilft auch keine orange Brille mehr. Sha La Nie!
Wir schreiben das Jahr 2011 - und noch immer gebärt der Grand Prix Eurovision de la Chanson gar seltsame Kinder. Was man dazu braucht? Auf dem Kopf tragen zwei nervöse Bürschchen zum Atompilz aufgerichtetes Haupthaar, dazu gibt es zappeliges Rumgehample, ein knallrotes Gartenzwerg-Outfit und grottenschlechten Gesang, den man sich unverstärkt gar nicht vorstellen möchte. Fertig ist das aktuelle irische Song-Contest-Süppchen "Lipstick" von Jedward. Es ist einer jener gar nicht so raren Beiträge, bei dem man spätestens nach einem halben Takt weiß, dass einen das Lied die nächsten drei Minuten piesaken wird. Sofern man es so lange durchhält freilich. Dabei ist Irland ein so schönes Land - und der Johnny Logan war dereinst doch durchaus erträglich.











