Gemeinsames "Tatort"-Schauen als neuer Trend
"Tatort"-Schauen als Sonntagabend-Event: Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Wien boomen Public Viewings der TV-Krimiserie. Denn: "Gemeinsam ist es lustiger." Ein Lokalaugenschein.

Foto © ORF/Ali SchaflerWenn Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer ermitteln, wird kollektiv mitgefiebert
Es ist Sonntagabend, kurz nach 20 Uhr. Vor dem Top Kino im sechsten Wiener Gemeindebezirk staut es sich. Kleine Grüppchen junger Leute warten vor dem Kinosaal, plaudern. Drinnen wird hektisch um die letzten Plätze gefeilscht. Nicht nur die Kinosessel sind bis in die letzte Reihe besetzt, auch knapp vor der Leinwand und auf den Stufen sitzen dicht gedrängte Menschen. Woody Allen höchstpersönlich in Wien? Ein spontanes Arcade Fire-Konzert? Nein, Sonntagabend ist "Tatort"-Zeit.
Seit etwa einem Jahr veranstaltet das Top Kino jeden Sonntag einen "Tatort"-Abend. Dabei wird das ORF-Programm auf der großen Kinoleinwand übertragen. Der Eintritt ist gratis. 100 Leute fasst der Saal, jede Woche sind es mehr, erzählt der Kellner des anschließenden Lokals. Spätestens um halb acht muss man da sein, um noch einen Platz zu bekommen. Auch das Partnerkino Schikaneder im vierten Bezirk zeigt den "Tatort". Laura aus Jena schaut normalerweise dort. "Es ist eigentlich immer gut voll, aber so voll war es noch nie. Vielleicht, weil es diesmal ein Wiener 'Tatort' ist", vermutet sie. Gut zweihundert Leute haben sich in den Kinosaal gequetscht. Kaum jemand ist über 30. Die "Seitenblicke" laufen, gleich geht es los.
Trend aus Deutschland
Das Phänomen "Tatort"-Public Viewing kommt aus Deutschland. Dort haben sich viele Lokale auf gemeinsames "Tatort"-Schauen eingerichtet. ARD listet alleine in Berlin 37 "Tatort"-Kneipen. Kein Wunder also, dass auch im Top Kino die meisten Zuschauer aus Deutschland kommen. "Wir haben zuerst immer zu Hause geschaut", sagt Stefan aus der Nähe von Stuttgart. Er ist mit vier Studienkollegen da. "Dann hat uns jemand erzählt, dass man hier keinen Eintritt zahlt. Seitdem sind wir regelmäßig hier."
Endlich - das Intro. Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser auf der Leinwand. In "Kein Entkommen" ermitteln sie zum dritten Mal gemeinsam, diesmal gegen serbische Kriegsverbrecher in Wien. Im Publikum wird mitgefiebert. Gleich beim ersten Schuss ein kollektives Lufteinziehen. Dann Gelächter über "Geh, Mama!" und "Bist du deppert!". Beim deutschen Publikum punktet der Wiener Schmäh gleich doppelt. In einem Grüppchen werden gleich zu Beginn leise Vermutungen zum gesuchten Drahtzieher angestellt, dahinter wird sogar simultan französisch gedolmetscht - der Nachteil des Wiener Dialekts. Immer wieder fällt im dunklen Kinosaal ein Glas um, gefolgt von Flüchen. Getränke sind hier erlaubt.
15 Leichen später wird es wieder hell. Abspann. "Eine coole Folge", so der allgemeine Tenor. Aber was macht diese neue Faszination "Tatort" eigentlich aus? Schulterzucken. "Ich hab das schon als Kind gerne gesehen", meint Judith. Ihre Freundin nickt: "Es ist dieser verstaubte Charakter." "Auf der Leinwand wirkt so etwas auch gleich ganz anders. Und gemeinsam ist es lustiger", sagt auch Jan. Er studiert Theater- Film und Medienwissenschaften.
Es ist eine Mischung aus Nostalgie und Eventcharakter, die junge Studenten Sonntagabend in Lokale und Kinos treibt. "Tatort" verbindet. Für viele ist das wöchentliche Schauen wie eine Art Stammtisch geworden, der vielleicht auch ein bisschen an die deutsche Heimat erinnert. Aber auch der österreichische Anteil im Publikum wird immer größer, immer mehr Lokale springen auf den "Tatort"-Trend auf. Ob sich die Begeisterung halten wird? "Wir sind auf jeden Fall nächstes Mal wieder dabei", sind sich die Wiener "Tatort"-Fans einig.













