Schock nach Unglücks-Unwetter mit fünf Toten
Am Tag nachdem ein schwerer Sturm über dem beliebten Musikfestival Pukkelpop wütete, wollen die Besucher nur noch eines: Weg vom Festivalgelände. Die Zukunft des Festivals mit 65.000 Besuchern ist ungewiss.

Foto © ReutersTrauer um die Verstorbenen
Mit schlammverschmierten nackten Füßen steht Jef Ballon auf einem Parkplatz und lädt den Kofferraum seines Autos voll. Schlafsack, Isomatte, Zelt, Campingstühle, Bierkisten, Plastiksackerln mit Chips und Dosenravioli. "Wir hatten uns so auf das Wochenende gefreut, aber jetzt wollen wir nur noch weg", sagt der Student aus der belgischen Stadt Leuven. Unter seinen Augen sind dunkle Ränder, seine Finger zittern leicht.
Es ist der Tag, nachdem ein schwerer Sturm über dem beliebten Musikfestival Pukkelpop wütete und der Massenparty mit rund 65.000 Feiernden ein jähes Ende setzte. Mindestens fünf Menschen sind tot, mehr als hundert verletzt. Hasselt, eine Stadt mit 70.000 Einwohnern auf halbem Weg zwischen Brüssel und Aachen, ist erschüttert.
"Als hätte sich die Hölle aufgetan"
"Wir hatten Glück", erzählt Ballon. "Mein Freund hatte vorgeschlagen, dass wir noch eben Sachen aus dem Auto holen gehen. Als wir losgingen, schien noch die Sonne, aber als wir dann am Auto waren, prasselten die Hagelkörner los. Äste fielen auf das Auto und Windböen peitschten dagegen - es war, als hätte sich die Hölle aufgetan." Die Nacht verbrachten er und seine Freunde in einem kurzfristig eingerichteten Notlager des Roten Kreuzes.
"Der Himmel wurde grün und blau", erzählt eine Studentin aus Hasselt, die auf dem Bürgersteig sitzt. "Als das Unwetter losbrach, schrien alle und rannten panisch umher. Manche fielen auf den Boden, andere trampelten auf sie drauf. Wir waren in einem Partyzelt, das brach zusammen. Aber wir konnten die Plane gemeinsam hochhalten. Deswegen ist uns nichts passiert. Später auf dem Campingplatz haben viele geweint."
Das Festivalgelände ist inzwischen abgesperrt. Zu den Campingplätzen darf nur noch, wer sein Zelt abbauen möchte. Polizisten und Festivalmitarbeiter kontrollieren die Menschenströme. Auf der Landstraße, die das Festivalgelände durchquert, haben sich lange Staus gebildet. Überall sitzen Grüppchen von Jugendlichen zwischen Plastiksäcken und Rucksäcken und warten - auf Busse, Züge, oder Eltern, die sie abholen.
Zukunft des Festivals unegwiss
Die starken Windböen rissen Bierzelte ein und brachten tonnenschwere Gerüste zum Einsturz. Scheinwerfer und Stücke der Bühnen flogen durch die Luft. Ampeln liegen zerbrochen auf der Straße, selbst dicke Bäume sind abgeknickt und umgefallen. Überall liegen Blätter und Äste. Auf dem durchweichten, schlammigen Feldboden stehen tiefe Lacken. Es riecht nach Kuhdung.
Chokri Mahassine, der Veranstalter von Pukkelpop, zeigt auf eines der eingestürzten Zelte. Über zusammengedrückten Bierbänken und einer rot-weiß gestreiften Plane liegt ein meterhohes Stahlgerüst. Der Sturm hat es umgeschmissen. "Hier haben wir einen der ersten Toten gefunden", sagt Mahassine und beißt sich auf die Lippen.
Neben ihm steht eine junge Frau in einem durchsichtigen Regenmantel, das Gesicht sorgfältig geschminkt, die Fingernägel grau lackiert. Hilde Claes ist Bürgermeisterin von Hasselt, sie selbst war am Donnerstagabend natürlich auch bei dem Festival, wie jedes Jahr. Immer wieder muss sie mit den Tränen kämpfen, während sie immer wieder in Mikrofone spricht - mal auf Englisch, mal auf Französisch, mal auf Flämisch.
"Wie kann das denn sein", fragt sie, und ihre Stimme überschlägt sich fast. "Wie kann das denn sein, dass so ein lokaler Sturm ausgerechnet hier tobt, ausgerechnet während des Festivals? So etwas haben wir hier noch nicht erlebt."
Ob es Pukkelpop noch einmal geben wird, fragt eine chinesische Reporterin. "Das kann ich jetzt nicht sagen. Erst einmal müssen wir um die Opfer trauern. Danach können wir anfangen, nach den Schuldigen für diese Katastrophe zu suchen. Und dann werden wir uns zusammensetzen und über die Zukunft von Pukkelpop beraten."










