Alter, nativer Rock
Tocotronic machen wieder mal eine Platte. Dabei muss man für gewöhnlich den Kopf einschalten, um zu verstehen, was die Hamburger zu sagen haben. Obwohl: Es funktioniert diesmal sogar als das, was es ist: Musik.

Foto © kkEin bisschen Aufstand, ein bisschen Designer-Anzug: Tocotronic
Im Nachhinein war bei Tocotronic alles nicht so gemeint. Wenn sie heute über das letzte, sehr programmatische Werk "Kapitulation" sprechen, fallen Worte wie "verkopft", "angestrengt". Den Krach der frühen Tage hat man auch längst eingetauscht. Die neuen, aktuellen und sich selbst als Gesamtkunstwerk darstellenden Tocotronic setzen nunmehr vier Alben auf den ganz großen Sound. Klangteppiche, die die Sprechblasen des verkopften Sängers Dirk von Lowtzow noch verkopfter wirken lassen. Was Indie-Kids mit Hornbrille und Röhrenjeans das liebgewonnene Argument liefert, wer Tocotronic nicht möge, der sei eben zu blöd dafür. Die Band müsse verstanden werden, dann stelle sich die Frage mit dem Mögen gar nicht.
Doch, diesmal fehlt das Konzept auf den ersten Blick. Kapituliert wurde ja schon und die Vernunft besiegt. Bleibt noch die Musik. Die ist noch da – und die ist erfrischend alt. Die großen Denker bedienen sich guter alter Rockmusik und spielen einfach mal drauf los. Der Opener "Eure Liebe tötet mich" verzaubert mit hypnotischen Gitarren und angenehmem Krach, danach geht die Reise durch breit arrangierte, herrlich produzierte und manchmal platte Songs. Die Kunsthandwerker greifen zum Hammer, nur Lotzow bleibt seinen nihilistischen Wortreihungen treu. Wirklich schlecht ist das jedoch nur in der ersten Single "Macht es nicht selbst" mit ihrem Querdenker-Text, dessen Anti-These im Refrain ("Was ihr auch macht, macht es nicht selbst") selbst dem härtesten Fan als Schlafmittel dienen wird und dem nervenden "Bitte oszillieren sie".
Emo bis Oma
Ansonsten bleibt Lotzow unaufdringlich. Man ist ihn ja gewohnt: Sage statt Aussage. Ein Erfolg - es darf getanzt werden, nicht gedacht. Teilweise hat man das Gefühl, als habe die Band sogar Spaß beim gemeinsamen Musizieren, Rock-Musik ist eben doch keine Lesung. Die Indie-Kids in Hornbrillen und Röhrenjean werden es nicht gerne hören, aber Tocotronic funktionieren auf "Schall und Wahn" als ganz gute Band mit Wirkungsgrad von Emo bis Oma.
Bleibt zu hoffen, dass im Nachhinein nicht wieder relativiert wird. Dass die Band nicht Kunst hineinzwängen will in etwas, das als Rockmusik doch funktioniert.
6.3 / 10
Video zu "Macht es nicht selbst"
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Tocotronic - Schall und Wahn. Vertigo/Universal; 22. Januar; CD, Vinyl, DownloadFoto © kk















