Heile Zeilen
"Stille Nacht": Rund zwei Milliarden lauschen heute Nacht dem Text von 1816. Eine Rock'n'Roll-Story - ganz ohne Rock'n'Roll.

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Es ist die wundersame Wanderung eines Liedes. Von Kirche zu Kirche wohlgemerkt - und nicht von einem zum nächsten Myspace-Profil. Die Rede ist von einer Zeit vor Internet-Piraterie und Youtube-Spielwiese. "Stille Nacht, heilige Nacht" - ein bescheidener Name für ein bescheidenes Lied und einen ganz und gar nicht bescheidenen Werdegang. Textzeilen wie "Nur das traute, hoch heilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar" haben es immerhin geschafft, Rock'n'Roll-Hymnen wie "Like a Rolling Stone" oder "Satisfaction" auszubooten. Und wie.
Wenn heute Nacht geschätzte zwei Milliarden Menschen weltweit der Wiegenlied-Melodie im 6/8-Takt lauschen, sie in über 300 Sprachen und Dialekten selbst anstimmen, dann haben sie das Lied wohl schon zig Male gehört - alleine diesen Advent.
Und Stars naschen eifrig am Businessmodell "Gekaufte Besinnlichkeit" mit. "Silent Night" hauchten schon Olivia Newton John, Beyonce, Tori Amos, The White Stripes oder zuletzt Fräulein Castingwunder Susan Boyle ins Mikrofon. Weihnachts-Platten als Pflaster für seelische Wunden. Als Weihnachtsfriede in Liedlänge, praktisch, dosierbar. Und tantiemenfrei.
Die Sehnsucht nach Frieden, das sei die ursprüngliche Botschaft des Liedes, sagt Michael Neureiter, Präsident der Stille-Nacht-Gesellschaft. Das Gedicht, das der Hilfspfarrer Josef Mohr 1816, mitten in einer von Elend geprägten Zeit - nach dem Ende der napoleonischen Kriege und kurz nach dem Wiener Kongress -, verfasst, erlebt zwei Jahre später seine Weltpremiere. "Mit allem Beifall", wie im Dokumentationsband zum Lied (2008, Strube Verlag) zu lesen ist. Es war eine schlichte Stunde, die damals in der Pfarrkirche St. Nikolai in Oberndorf schlug. Zum Gitarrenzupfen sang Mohr die Ober- und der Organist Franz Xaver Gruber die Unterstimme. "Dass Mäuse die Orgel außer Gefecht setzten, stimmt nicht", betont der Präsident. 1833 auf einem ersten Flugblatt gedruckt, erklingt das Lied 1839 erstmals auf amerikanischem Boden.
Heute stillt der Song auch Lärm aus dem Auspuff. Zum Beispiel in einer Tiefgarage in Salzburg, wo die Melodie an 365 Tagen im Jahr erklingt, immerfort. Gegen solche Verkitschung kämpft Neureiter an: "Wir verwehren uns gegen eine Verniedlichung und Romantisierung des Liedes." "Stille Nacht" sei orts-, zeit- und sinngebunden.
Touristiker sehen das anders. Eine Nacht sei zu wenig, um das Potenzial des Songs auszuschöpfen, sagen sie und meinen wohl das, was sie mit "Sound of Music" geschafft haben.
Neureiters Strategie gegen die Vermarktung von "Stille Nacht" als Christmetten-Schlager: Forschung. "In erster Linie über Verbreitung und Übersetzung."

















