Pearl Jam als souveräner Rock-Act bei rarem Club-Gig
Die US-Band spielte eine dynamische Show vor eingefleischten Fans zur Veröffentlichung des neuen Albums in London.

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Man kann es plakativ sagen: Aus der mitunter selbstmitleidigen Grunge-Band Pearl Jam, die nach dem enormen Erfolg ihres Debüts "Ten" zunehmend die Spielregeln des Musikbusiness verweigerte, ist ein souveräner Rock-Act entwachsen, ohne die eigenen Prinzipien zu verraten. Die Gruppe aus Seattle spielte am Dienstagabend im Londoner Shepherds Bush Empire vor 1.600 Fans eine vor Kraft strotzende, erdige und ehrliche Club-Show als Promotion-Vorbote auf das am 18. September erscheinende Album "Backspacer", das Pearl Jam auch in Sachen Plattenverkäufe wieder zu einem Giganten machen könnte.
Nein, auch wenn Sänger Eddie Vedder - ob er das nun wahrhaben will oder nicht - mittlerweile live einen echten Rockgott abgibt, ein Testosteron-Kracher als Opener muss dennoch nicht sein: Die Amerikaner eröffneten mit dem eher beschaulichen, sich langsam steigernden "Sometimes" ihren mehr als zweistündigen Set, an das sie listig ein bisschen Pink Floyds "Interstellar Overdrive" anschmiegten. Doch dann, ab "Corduroy", gab es für die ausgelassene Menge, die sich der heiß gehandelten Tickets glücklich schätzen konnte, Riff-Gewitter pur. Schon als vierter Song wurde die neue Single "The Fixer" vom Stapel gelassen, ein radiotauglicher, aber intelligenter Ohrwurm, wie ihn Pearl Jam schon lange nicht mehr im Repertoire hatten. Man spürt es, diese Musiker wollen es noch einmal wissen.
Hatten die überlangen Auftritte von Pearl Jam der vergangenen Jahre manchmal etwas Greatful Dead-Atmosphäre verbreitet, so stand das Londoner Gastspiel in Tradition von Led Zeppelin oder der Rolling Stones. Dazu gehörten auch Rock-Posen, die Vedder souverän innehat, jedoch zu keinem Zeitpunkt übertreibt. Nur würdig, dass sich Stones-Gitarrist Ron Wood auf die Bühne gesellte, um mit den Gastgebern durch Bob Dylans "All Along The Watchtower" im Arrangement von Jimi Hendrix zu fetzen. Das Solieren wollte kein Ende nehmen, herrlich dröhnten die Gitarren - wie viel später auch im zum Jam ausufernden "Even Flow" (vom erwähnten allerersten Album), wo Drummer Matt Cameron (nach vielen Umbesetzungen am Schlagzeug seit 1998 dabei) nach einem Duell der Gitarristen Mike McCready und Stone Gossard ebenfalls seinen verdienten Platz im Spotlight abbekam.
Höhepunkte im spannenden Set bildeten außerdem "Soldier Of Love", ein superbes "Dissident", bei dem das trotz rauchfrei bestens gelaunte Publikum Vedder wohl niedersingen wollte, "Elderly Women Behind The Counter In A Small Town", "Why Go", "Down" sowie "Betterman", "Inside Job" und "Alive" (alle drei im ersten Zugabenteil). "Present Tense" diente als Showcase für die Stimme des Frontmans, ein innig gesungenes, auch ohne treibende Rhythmen kraftvolles Stück. Natürlich darf Politik bei den Aktivisten von Pearl Jam nicht fehlen. Was wäre gewesen, wenn Barack Obama die Wahl nicht gewonnen hätte, sinnierte Vedder. Dann hätte man sich seines Landes geschämt und "sich als kanadische Band neu erfinden müssen", so der Sänger. Ein rotzig-aggressives, dem Neokonservativismus um die Ohren geschlagenes "Do The Evolution" folgte.
Mit Neuerfindung lag Vedder, unprätentiös im ärmellosen schwarzen T-Shirt, allerdings nicht ganz falsch. Die 2006 mit der Platte "Pearl Jam" eingeleitete Rückbesinnung auf mitreißenden, dem Mainstream nicht ständig abgeneigten Rock and Roll statt Eigenbrötlertum findet im superben "Backspacer" (Universal) ihre Vollendung. Die zweite daraus präsentierte flotte Nummer "Got Some" stieß bei ihrer Premiere auf verdiente Resonanz. Auch das dritte neue und zugleich das ruhigste Stück des Abends, "The End", das Vedder alleine auf der akustischen Gitarre brachte, gefiel.
Noch eine Verneigung zum Schluss: Mit Gast-Gitarrist Simon Townshend, dem jüngeren Bruder von The Who-Mastermind Pete Townshend kam das Who-Cover "The Real Me" zu Ehren. Nach Song Nummer 26, "Yellow Ledbetter", war dann endgültig Schluss im längst dampfenden Sherpherds Bush. Für Pearl Jam geht es in den nächsten Frühling: eine Band, "gebaut, um zu bestehen", wie auf zum Verkauf angebotenen Shirts nachzulesen.

















