Jung und biologisch aufbaubar
Mensch sein im Konsum. Von Bio bis Drahtesel, von Spenden bis zum Menü aus der Mülltonne: Wie bewusst die Jungen heute leben. Vier konträre Öko-Bilanzen.

Foto © APA
Nicole reitet auf ihrem Drahtesel durch die Stadt, für ihre Meinung geht sie auf die Straße. "Das ist doch normal, oder?" Zuletzt war sie Teil der "Lichterkette 2009" gegen Menschenverachtung und Diskriminierung. "Ich will meinen Kindern ja einmal eine schöne Welt hinterlassen."
Was sie dafür tut? Die Paradeiser kommen vom Bauernmarkt, beim Duschen spart sie Wasser und in ihrem eigenen Frisörsalon arbeitet die 26-Jährige, wo immer es geht, mit ökologischen Produkten. "Es geht uns gut und das ist nicht selbstverständlich." Monatlich werden Nici von ihrem Konto Beiträge für Greenpaece, Amnesty International und das Kinderhilfswerk abgebucht - um nur die großen Organisationen zu nennen. "Ich bin ein leichtes Opfer für Keiler. Aber ich sehe an so vielen Stellen Handlungsbedarf", sagt die junge Frau im Pastell ihres Ladens.
Menschlichkeit ist ihr wichtig, der gängige Materialismus ein Dorn im Auge. "Kinder können nicht mehr spielen. Sie bekommen alles und werden vor dem Fernseher abgeladen. Niemand beschäftigt sich mit ihnen. Wie sollen sie dann lernen, was richtig und falsch ist?" Ihre absolute Horrorvorstellung: "Nicht mehr frei entscheiden zu können."
Bequemlichkeit
Bio-Produkte kommen Thomas nicht ins Einkaufswagerl. "Zu teuer", sagt er, "und außerdem machen sie unsere ungesunde Lebensweise ohnehin nicht wett". Wenn schon, dann heimische Ware, frisch gepflückte Erdbeeren oder Omas Marmelade. Über den Klimawandel und seine Folgen denkt der 22-Jährige nach - besonders an extrem heißen Tagen, oder wenn tagelange Regenfälle zu Überschwemmungen führen. Dass sein BMW 118 Diesel einen Partikelfilter hat, ist dem BWL-Studenten recht. Zwischendurch hat er überlegt, das Auto wieder zu verkaufen. Heute ist er froh, es nicht getan zu haben. "Ein Auto ist einfach bequemer. In der Stadt fahre ich ohnehin nur Rad." Ein Hybridfahrzeug oder ein E-Auto? "Erst wenn die Technologie ausgereift ist." Und dann in erster Linie, weil die Erhaltung billiger ist. Mit dem Zug nach Spanien? "Zu umständlich."
Konsequenter trennt er Müll und engagiert sich sozial. Schöne Phrase. Thomas lebt sie und opfert einen Teil seiner Freizeit dafür. Er ist seit drei Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Roten Kreuz.
Wolfgang hält fairtrade-Produkte für einen Tropfen auf den heißen Stein. Der 25-Jährige kauft bio("den Luxus gönn' ich mir") und sportelt am Wochenende. Wolfgang sagt, er fürchte sich nicht vor seiner Zukunft. Sein Lebenslauf ist perfekt: Lauter Einser im Studium (VWL und Umweltsystemwissenschaften), Auslandssemester in Frankreich, Luxemburg und Kalifornien. Im Moment schreibt er an seiner Dissertation, jobbt an der Uni und hat soeben einen Jungforscher-Preis eingeheimst.
Systeme interessieren ihn, soziale, ökonomische, ökologische. Das Thema Klimawandel trennt er in beleg- und nicht belegbar. Er liest viele Studien dazu. Aktionismus hat sich gewandelt. "Weg von platten Demonstrationen."
Mut zur Unsicherheit
Sputnik hätte Wolfgang wohl so einiges zu sagen. Der 27-Jährige will in diesem Artikel so heißen. Er weigert sich, ein Gesicht auf den Pappteller zu kritzeln. Leise, aber deutlich. Stattdessen wählt er "Imperium der Schande", das Anti-Globalisierungs-Manifest von Jean-Ziegler. Sputnik ist einer, der handelt: Häuser besetzt, Guerilla-Gardening pflegt, dumpstert (holt sich seine Lebensmittel aus der Mülltonne), er demonstriert ("heute weniger als früher), veranstaltet Konzerte. Er sorgt sich um den Zustand der Welt und seinen ökologischen Fußabdruck. Er hockt vor einer Bücherfront in einem Sessel und flickt seinen Turnschuh. Nicht zum ersten Mal. Matura? Für den Punk an den Nagel gehängt. Sputnik hat heute weder Job noch Geld. "Ich brauche wenig." 150 bis 200 Euro pro Monat reichen. Regional sei ihm wichtiger als bio.
Ein Welt nach seinen Idealen wäre solidarisch und offen. "Geld und Strukturen", sagt er, "sind eine Pseudo-Absicherung." Ein bisschen Mut zur Unsicherheit brauche man, um handlungsfähig zu bleiben. Sagt's, nickt und zieht an seiner gewuzelten Zigarette.








