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Zuletzt aktualisiert: 30.07.2012 um 21:42 UhrKommentare

Die Macht der Dirigenten

Stefan Herheims spektakuläre Parsifal-Produktion ist der unangefochtene Star in Bayreuth. Bald kommt sie mit ihrem neuen Dirigenten, Philippe Jordan, ins Kino.

Kundry (Susan Maclean) versucht, Parsifal (Burkhard Fritz) zu verführen

Foto © APAKundry (Susan Maclean) versucht, Parsifal (Burkhard Fritz) zu verführen

Offiziell waren es Termingründe, die Daniele Gatti hinderten, auch im fünften und letzten Jahr "Parsifal" in Bayreuth zu dirigieren. Der junge Pariser Opernchef Philippe Jordan sprang ein. Er wird am 11. August auch die Live-Übertragung des "Parsifal" in "arte" und in einigen Cineplexx-Kinos dirigieren.

Die Erwartungen an den 38-jährigen Bayreuth-Debütanten waren hoch. Was würde er Gattis schleppender Lesart des Spätwerks entgegensetzen? Die erhoffte Frischzellenkur blieb leider aus. Wie Gatti und viele seiner Kollegen dehnt auch Jordan Wagners Bühnenweihfestspiel stellenweise bis an die Grenze zum Zerfall. Vier Stunden zehn Minuten braucht er für das Gesamtwerk. Pierre Boulez war in Bayreuth in drei Stunden vierzig durch, ohne je zu hetzen.

Langsamkeit generiert bei "Parsifal" falsches Pathos, die Spannung sackt ab, die Sänger leiden. Jordan sucht und findet zwar prachtvolle Klangfarben in Wagners letzter Oper. Der Preis für solchen Genuss aber ist hoch. Alles Drängende, Erlösungssehnsüchtige in dieser Partitur fehlt seiner Interpretation. Woran die Protagonisten leiden, was sie quält, wird nicht hörbar. Sogar Stefan Herheims geschichtsmächtige, turbulente Regie gerät bei diesen Tempi ins Stocken.

Dem Erfolg tat das keinen Abbruch. Das Publikum bejubelte Jordan wie Herheim und schien den Mangel eher bei den Protagonisten zu suchen: bei der Kundry Susan Maclean und dem Parsifal Burkhard Fritz. Die aber hatten getan, was sie konnten.

Ein weiterer Einspringer

Jordan ist nicht der einzige Einspringer. Im März hatte Thomas Hengelbrock seinen Vertrag für die "Tannhäuser"-Wiederaufnahme nicht unterschrieben. Christian Thielemann übernahm zusätzlich zur Eröffnungspremiere kurzfristig auch diese Produktion.

Wer sich erwartet hatte, er würde die von Hengelbrock herausgearbeiteten Spuren der Frühromantik im Werk verwischen, hatte sich getäuscht. Wie schon im "Holländer", arbeitete Thielemann die Einflüsse der Zeitgenossen und die Stilunterschiede zum späten Wagner deutlich heraus. Darüber hinaus hat dieser Tannhäuser, der ohne Hengelbrocks Kürzungen erklang, jene Wucht und Kraft, die im Vorjahr manchmal fehlten.

In Bayreuth gilt das "Werkstatt-Prinzip". Regisseure sollen an ihren Werken weiterarbeiten. Christoph Marthaler hat seinen "Tristan" ab der Premiere 2005 allerdings einer Assistentin überlassen, die am starren Konzept eines Kammerspiels unter zwanghaften Sonderlingen festhielt.

Anders Sebastian Baumgarten. Sein "Tannhäuser", ein Ausbrecher aus der sterilen, technikdominierten Gesellschaft, untergräbt deren "Moral" heuer nicht als Berserker, sondern mit Witz und Ironie. Dass Thorsten Kerl der Partie nicht nur stimmlich gewachsen ist, sondern auch komisches Spieltalent zeigt, kommt dieser Lesart entgegen. Auch sonst ist Baumgartens Personenführung viel präziser geworden, was die Irritation des Publikums freilich kaum linderte.

Experiment mit Laborratten

Auch Hans Neuenfels war wieder da. Seiner hochästhetischen, ausgefeilten "Lohengrin"-Deutung als Experiment mit Laborratten musste er zwei neue Protagonisten hinzuzufügen: Thomas J. Mayer ist ein gewaltiger Telramund, brutal, ehrgeizig und stimmschön; ihm zur Seite steht Susan Maclean, eine kluge, durchtriebene Ortrud, mitunter an der Grenze ihrer Stimmkraft.

Auch hier zeigte sich, dass Wagner-Produktionen mit ihrem Dirigenten stehen und fallen. Andris Nelsons wirkte indisponiert, stellenweise brachte er sogar den hervorragenden Chor aus der Balance. Dass Klaus Florian Vogt als Lohengrin derzeit keine Konkurrenz fürchten muss, entschädigt für manche Schwachstelle. Aber vielleicht könnte ja Thielemann...

Alle Aufführungen in Bayreuth sind ausverkauft. bayreuther-festspiele.de

Philippe Jordan im Porträt des Tages, Seite 7

THOMAS GÖTZ

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