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Zuletzt aktualisiert: 30.07.2012 um 20:41 UhrKommentare

"Ariadne auf Naxos": Die Stunde des Parvenüs

100 Jahre nach der Uraufführung brechen die Salzburger Festspiele eine Lanze für die Urfassung der "Ariadne auf Naxos". Mit ihrer Reverenz an ihre Gründerväter Hofmannsthal und Strauss gelingt ihnen ein Gesamtkunstwerk.

Ausgeweidete Klaviere stellt Rolf Glittenberg in "Ariadne auf Naxos" als Kulisse für Emily Magee (Ariadne) und Jonas Kaufmann (Bacchus) auf die Bühne

Foto © APAAusgeweidete Klaviere stellt Rolf Glittenberg in "Ariadne auf Naxos" als Kulisse für Emily Magee (Ariadne) und Jonas Kaufmann (Bacchus) auf die Bühne

Festspiele sollten sich deutlich vom Repertoiretheater unterscheiden, meint Alexander Pereira. Salzburgs neuer Intendant und sein Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf haben diesen Grundgedanken mit der Neuproduktion der "Ariadne auf Naxos" exemplarisch umgesetzt.

Nicht weniger als ein Gesamtkunstwerk, das Oper, Schauspiel und Ballett vereint, war Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss vorgeschwebt, als sie ihre "Ariadne auf Naxos" schufen. Die Stuttgarter Uraufführung bescherte ihnen allerdings 1912 ein Desaster, das sie veranlasste, das Werk völlig umzuarbeiten und 1916 in der seither gebräuchlichen Form vorzustellen.

Die Salzburger Festspiele aber nehmen sich 100 Jahre nach der Uraufführung des Originals an, das erst 1976 unter Ernst Märzendorfer und Boleslaw Barlog im Grazer Schauspielhaus seine Österreichpremiere erlebt hatte. Die Festspiele können und wollen es sich leisten, zusätzlich zu den Opernkräften ein Schauspielensemble und acht von Heinz Spoerli elegant choreografierte Tänzer aufzubieten.

Verknüpfung

Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf hat die Urfassung geschickt bearbeitet. Er verknüpft Hofmannsthals Version von Molières "Bürger als Edelmann" mit der Biografie des Festspielmitbegründers, bringt auch den Dichter und seine Angebetete Ottonie auf die Bühne. Er setzt sie nicht nur als Protagonisten des Vorspiels ein, sondern beschäftigt sie auch als Parallelfiguren zu Bacchus und Ariadne in der eigentlichen Oper und verknüpft damit die beiden Teile zu einem geschlossenen Ganzen.

Als Regisseur spitzt Bechtolf den satirischen Geist des Vorspiels höchst amüsant zu. In der Rolle des Jourdain brilliert Cornelius Obonya als hinreißender, diszipliniert komischer Parvenü. Peter Mati´c, in Salzburg seit 1979 der Haushofmeister vom Dienst, genießt die Ausweitung seiner Rolle. Wandlungsfähig in mehrere Rollen schlüpfend, umgarnt Michael Rotschopf als Hofmannsthal seine von Regina Fritsch gespielte Ottonie. In der Oper selbst, für die Rolf Glittenberg drei ausgeweidete Klaviere als Dekoration auf die Bühne stellt, bleibt die Regie ziemlich unauffällig.

Vokales Testosteron

Fulminant gelingt Jonas Kaufmann das Rollendebüt als Bacchus: Mit sattem, die heiklen Höhen sicher meisterndem, kraftvollem Tenor verströmt er pures vokales Testosteron. Emily Magee, deren dunkles Timbre perfekt zur Stimmfarbe ihres Partners passt, gelingt eine ebenso eindringliche wie wortdeutliche Gestaltung der Ariadne, die lyrische Bögen mit dramatischer Kraft vereint. Die aberwitzigen Anforderungen an die Zerbinetta, deren große Arie in der Urfassung um einen Halbton höher liegt und erheblich länger dauert, meistert Elena Mosuc mit atemberaubender Bravour und Sicherheit.

Unter der Leitung von Daniel Harding warten die Wiener Philharmoniker zunächst mit duftiger kammermusikalischer Raffinesse auf, um dann bei der Schlussapotheose rauschhaften Klangzauber zu entfesseln.

ERNST NAREDI-RAINER

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